Seit 6000 Jahren Baumwolle

Wissen / 03.01.2020 • 15:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Ein Drittel aller Textilfasern besteht aus Baumwolle. Reuters
Ein Drittel aller Textilfasern besteht aus Baumwolle. Reuters

Rohstoff mit kleinen Fehlern.

Schwarzach Die hautfreundliche Baumwolle macht immer noch den Hauptanteil an der Bekleidung der Welt aus, fast jeder Mensch trägt etwas aus Baumwolle. Es ist ja eine Naturfaser, das ist in Zeiten zunehmender Chemiekritik ein Vorteil. Wenn man sich die Sache etwa genauer anschaut, entstehen allerdings Zweifel. Baumwolle wächst im so genannten „Baumwollgürtel“, ein Streifen zwischen 43 Grad nördlicher und 36 Grad südlicher Breite rings um den Globus. Die Hauptanbaugebiete liegen in Indien, China, den USA, und Pakistan. Die Pflanze gehört zu den Malvengewächsen und wurde im Lauf der Geschichte von mehreren Völkern in eine Zuchtform überführt, in Südamerika wurde Baumwolle verwendet, bevor noch die Töpferei erfunden war. Was macht sie so wertvoll? Die bis zu siebentausend Samenhaare, sogenannte Trychome, die an den Samen der Baumwolle hängen, meistens nur drei Zentimeter lang. Bei der Reife platzen diese Kapselfrüchte auf und die Samenhaare quellen als watteartige Büschel heraus, das ist die Baumwolle. Ein Drittel aller Textilfasern besteht aus Baumwolle. Die heutigen ertragreichen Sorten brauchen Dünger, Spritzmittel und Wasser in rauen Mengen. Für ein Kilo Baumwolle, die Menge für die Herstellung einer Jeans, sind zehntausend Liter Wasser erforderlich. Wohin das führt, zeigt am deutlichsten das Gebiet um den Aralsee. Dort wurden in der früheren Sowjetunion im letzten Jahrhundert riesige Gebiete mit Baumwolle angebaut. Die übermäßige Bewässerung zog das Salz aus tieferen Schichten nach oben; der Boden wurde zerstört – wenn das Salz erst einmal an der Oberfläche ist, entwickelt sich eine Salzsteppe, dort wächst dann auch keine Baumwolle mehr. Der Aralsee war noch 1950 65.000 Quadratkilometer groß, heute sind es 8000. Vor der Ernte braucht das Baumwollfeld Entlaubungsmittel, weil die Maschinen sonst nicht pflücken können.

Reifezeit

Man kann keine Zwischenkulturen zur Bodenverbesserung anbauen, weil die Baumwolle zur Reife neun Monate braucht. Die Folge sind Baumwollmonokulturen. Das ist nur möglich durch gigantische Spritzaktionen, etwa ein Viertel der weltweit eingesetzten Insektizide ist der Baumwolle gewidmet, obwohl die Anbaufläche nur ein Vierzigstel der gesamten Agrarfläche des Planeten ausmacht. Pro Wuchssaison wird bis zu zwanzig Mal gespritzt. Weltweit werden 26 Millionen Tonnen Baumwolle angebaut, nur 0,5 Prozent davon ökologisch verträglich; zwei Drittel der Produktion sind gentechnisch verändert, Ertragssteigerungen sind allerdings umstritten. Dann kommt noch die Veredelung, eine chemische Behandlung, damit die Faser nicht einläuft – die Fasern bekommen einen dünnen Kunstharzüberzug. 2004 wurde Baumwolle zum ersten Mal in der Geschichte mengenmäßig von einer Chemiefaser (Polyester) übertrumpft. Stellt sich die Frage, ob das tatsächlich so schlecht ist, wie es sich anhört …