Verlockend – Uranfluoride?

Wissen / 11.01.2020 • 17:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Atomtechnologie hat mit Three Mile Island, Fukushima (Bild) und Tschernobyl nicht unbedingt für positive Schlagzeilen gesorgt. AP

Mit Salzschmelze gegen den Klimawandel.

Schwarzach Dekarbonisierung: Schlagwort in der immer hitziger werdenden Debatte um den Klimawandel. Heißt, raus aus allen Technologien, die Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen. Das würde einen radikalen „Umbau des Industriesystems bedeuten, eine tiefgreifende Änderung der Gesellschaft“ – so oder so ähnlich kann man das medial verfolgen. Das ist natürlich alles nur Wortgeklingel, kein Mensch weiß, was es konkret bedeuten würde. Kein Wunder, dass die Verteidiger der schon abgeschriebenen Atomtechnologie sich mit neuen Vorschlägen (oder soll man sagen: Verlockungen?) zu Wort melden: Seht her, ihr müsst gar nicht so viel „umbauen“, ihr könnt im Prinzip so weitermachen wie bisher und trotzdem CO2–frei leben! Ist das ein Wort? – Man wäre ein bisschen begeisterter, wenn diese Technik nicht Three Mile Island, Fukushima und als bisherigen Höhepunkt Tschernobyl auf ihrer Negativliste stehen hätte.

Retten vor dem Klimwandel soll uns nun der Flüssigsalzreaktor. Keine festen Brennstäbe, sondern eben flüssiges Salz als Kernbrennstoff. Seit wann sind Salze flüssig? Wenn man sie genügend erhitzt. Gemeint ist kein Kochsalz, sondern ein Gemisch von Fluoriden der Elemente Uran und Thorium, ein paar Hundert Grad heiß. Die Salzschmelze zirkuliert in einem großen Behälter zwischen dem Innen– und dem Wandbereich. Innen bremsen mit Graphit gefüllte Rohre die Neutronen ab und ermöglichen so erst die Kettenreaktion, die dadurch erzeugte Hitze wird über einen oder zwei nachgeschaltete Wärmetauscher in einer Dampfturbine zur Stromerzeugung genutzt. Es gibt keinen Druckbehälter, weil kein hoher Druck auftritt, es gibt auch keine Kernschmelze – das Material ist eh schon flüssig. Und die Spaltprodukte, der radioaktive Abfall? Die entstehen natürlich auch hier, werden aber im laufenden Betrieb aus der Salzschmelze entfernt; man nennt das „kontinuierliche Aufarbeitung“, man muss keine Brennstäbe durch halb Europa karren. Damit sind die Vorteile, wenn man das so nennen will, auch schon erledigt.

Aufarbeitung

Nachteile: Beginnen wir gleich bei der Aufarbeitung. Die Abtrennung von atomwaffenfähigem Material ist bei diesem Reaktortyp deutlich erleichtert, das freut alle Staaten, die dem Atomklub beitreten wollen. Die Salzschmelze ist ungeheuer aggressiv, an den Materialproblemen wird noch geforscht. Und es entsteht 50 Mal mehr Tritium als in herkömmlichen Atommeilern. Tritium heißt auch „überschwerer Wasserstoff“, er hat die dreifache Masse des normalen Wasserstoffs, was ihn nicht daran hindert, überall, wo er entsteht, abzuhauen. Das ist schlecht für die Gesundheit, denn Tritium ist radioaktiv. – Brauchen wir so was?

Der Flüssigsalzreaktor ist wahrscheinlich sicherer als die üblichen. Aber solange andere Optionen möglich sind, sollten wir uns nichts Neues anschaffen, was auch wieder strahlt. Christian Mähr