„Essenz des Tangos ist für mich die Umarmung“

Wohin / 29.08.2013 • 13:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Seewald mit ihrem Lebensgefährten Matias Haber. Foto: ishka michocka
Seewald mit ihrem Lebensgefährten Matias Haber. Foto: ishka michocka

Die Götznerin Andrea Seewald organisiert das Tangofestival „Tango en Punta“.

Welche Ausbildung haben Sie genossen?

SEEWALD: Eine professionelle Tanzausbildung für zeitgenössischen Tanz. Zusätzlich habe ich eine Ausbildung zum Feldenkrais Practitioner und LnB-Bewegungslehrer gemacht. Mein Tangointeresse begann ursprünglich in Österreich und hat mich, wie das im Tango so üblich ist, nach Argentinien, Uruguay und andere Länder geführt. Ich hatte und habe nach wie vor das Glück von fantastischen Tangolehrer(inne)n zu lernen.

Wie sind Sie zum Tango gekommen?

SEEWALD: Über einen Freund von mir, der selbst ein wunderbarer zeitgenössischer Tänzer und Tango Tänzer ist. Aus Interesse hatte er mit mir ein paar Schritte probiert und meine noch schlummernde Leidenschaft zu diesem Tanz schnell erkannt.

Was ist für Sie das Faszinierende an diesem Tanz?

SEEWALD: Die Wahrhaftigkeit. Die Essenz des Tangos ist für mich die Umarmung. Diese Umarmung schafft Raum, mich selbst und meinen Tanzpartner in seinem ursprünglichen Sein wahrzunehmen und uns im Rhythmus der Musik zu finden.

Sie und Ihr Lebensgefährte Matías Haber haben das Tango-Festival „Tango en Punta“ gegründet. Sie arbeiten dabei auch mit Menschen mit Down-Syndrom. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?

SEEWALD: Matías und ich haben ursprünglich in einer Tanzkompanie in Wien unterrichtet, deren Künstler Menschen mit Down-Syndrom sind. Wir sind sehr dankbar für diese wunderbare Erfahrung, die unser Leben neu definiert hat und uns in einem Moment begegnet ist, an dem wir beide auf der Suche nach Authentizität waren. Diese berührende Begegnung hat uns dazu inspiriert unseren Verein „Tinkers“ zu gründen und das erste internationale Tangofestival mit Inklusion von Menschen mit Behinderung weltweit in Uruguay ins Leben zu rufen. Für uns war sehr schnell klar, dass wir ein Tangoevent kreieren möchten, indem sich Menschen treffen und miteinander wachsen, die sich im alltäglichen Leben vielleicht nie begegnen würden. Das künstlerische Niveau bei „Tango en Punta“ ist sehr hoch, daher kommen manche Teilnehmer vielleicht „nur“ wegen der Künstler. Einmal angekommen beim Festival zeigen die meisten Interesse an den inklusiven Aktivitäten bei „Tango en Punta“ und so manch ein professioneller Tänzer hat sich in der inklusiven Milonga wieder erinnert, warum er ursprünglich mit dem Tango begonnen hat.

Wie lange hat die Umsetzung von der Idee bis zum fertigen Konzept gedauert?

SEEWALD: Vor drei Jahren haben wir mit dem Projekt begonnen und das Konzept entwickelt sich fortlaufend weiter. Die größte Herausforderung ist für uns, zwei Festivals in einem Jahr auf zwei unterschiedlichen Kontinenten zu organisieren und zusätzlich zu „Tango en Punta“ während des Jahres mit der Workshop-Tour „Abrazando el Tango“ in Uruguay und „Embracing Tango“ in Österreich Tango für Menschen mit Behinderung zu unterrichten.

Worin liegen die Besonderheiten in der Tanzarbeit mit Menschen mit Behinderung?

SEEWALD: Wir werden immer wieder dazu aufgefordert wahrhaftig im Augenblick stattzufinden, kreativ neue Lernmethoden zu entwickeln und den anderen zu spüren und dort abzuholen, wo er ist. Wie in jedem anderen Unterricht auch. Mit dem Unterschied – und das ist das Tolle, Spannende und Herausfordernde zugleich – dass wir ein ganz direktes Feedback bekommen. Wir arbeiten sehr viel über das Gespür mit geschlossenen Augen, auch Wiederholungen sind total wichtig und spannend. Gibt es Übungen, die sie nicht interessieren, machen sie einfach nicht mit und gehen erst gar nicht in ein Frusterlebnis. Eine sehr gesunde Einstellung, von der ich mir zumindest eine Scheibe abschneiden sollte. Ein für mich sehr einschneidendes Erlebnis war, als ich bei einer unserer Klassen, versucht habe, entgegen meiner Stimmung fröhlich zu sein, damit sich alle wohlfühlen. Kurz nach Beginn des Unterrichts kam ein Schüler auf mich zu und hat mich gefragt, ob ich heute etwas traurig sei. Im Anschluss umarmte er mich und erklärte mir, dass ich diesem Gefühl auch gerne im Unterricht Platz geben darf. Matías und ich lernen im Unterricht sehr viel über uns und den Umgang mit unseren Mitmenschen. Dank unserer Schüler haben wir uns viele Fragen gestellt zu unseren Werten, Einstellungen und dem, was uns wichtig ist, und versuchen unser Leben danach auszurichten.

Vom 6. bis 8. September steht das Bregenzer Festspielhaus ganz im Zeichen des Tangos. Mit Stars der internationalen Tangoszene, Tango-Shows, Workshops, Milongas uvm. Infos: www.festspielhaus.at