„Das architektonische Konzept wird immer mehr verstanden“

17.05.2019 • 13:23 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Architekt Igor Mätzler mit Schülern des Wahlpflichtfachs Kulturvermittlung.GYS
Architekt Igor Mätzler mit Schülern des Wahlpflichtfachs Kulturvermittlung.GYS

Feldkirch Das Schulzentrum (Gymnasium Schillerstraße, Pädagogische Hochschule und Praxisschule) wurde von Architekt Guntram Mätzler (1930–2013) in den Jahren 1966 bis 1970 errichtet. Sein Sohn Igor Mätzler war von 1999 bis 2010 mit der Sanierung und 2008 bis 2010 mit der Aufstockung des Schulzentrums betraut.

Wie sehen Sie den Brutalismus als Baustil?

Mätzler Der Begriff kommt eigentlich aus dem Französischen: Mit béton brut ist roher, unbehandelter Beton gemeint. Die deutsche Übersetzung ist leider etwas irreführend. Der Baustil hat natürlich dem Zeitgeist von damals entsprochen. Nach der Katastrophe des 2. Weltkriegs wollte man auch in der Architektur einen Neuanfang wagen. Es hat eine Art Aufbruchsstimmung gegeben und diese Architektur ist Ausdruck davon. Wir brauchen eine neue Ehrlichkeit, das war die vorherrschende Meinung.

Hätten Sie das Schulzentrum in diesem Stil gebaut?

Mätzler Das ist eine sehr theoretische Frage, die eigentlich kaum zu beantworten ist. Ich habe in den 1980er-Jahren studiert, der Zeitgeist war ein vollkommen anderer. Ich habe diese Schularchitektur durchaus kritisch gesehen und meinen Vater damals schon gefragt, was ihm denn da eingefallen wäre. Heute aber weiß ich die Qualität des Gebäudes durchaus zu schätzen. Ich finde, dass das Gebäude in seiner Klarheit und strengen Konstruktion sehr gut gelöst ist. Anfang der 1990er-Jahre hat man das Gebäude noch das „Tschernobyl“ von Feldkirch genannt, es hat einfach dem Zeitgeist von damals widersprochen. Ich habe inzwischen aber den Eindruck, dass das architektonische Konzept immer mehr verstanden wird.

Sie haben das Schulzentrum um die Jahrtausendwende erneuert. Was wurde dabei gemacht?

Mätzler Es handelte sich um eine sogenannte „Funktionssanierung“, bei der vor allem die bautechnischen Belange des in die Jahre gekommenen Gebäudes wieder auf den Stand der Technik gebracht wurden. Ein wesentlicher Aspekt war auch die Verbesserung der Wärmedämmung bei allen Außenbauteilen. Das Gebäude musste selbstverständlich den damals geltenden gesetzlichen Bestimmungen zum Wärmeschutz entsprechen.

Sie haben sich auch der Fassade angenommen?

Mätzler Ja, die Außenhaut des Gebäudes war ein besonderes Thema. Die Betonoberfläche war durch Umwelteinflüsse beschädigt und musste saniert werden. Normalerweise werden dabei die einzelnen Schadstellen repariert und die gesamte Außenhaut wird anschließend mit einem Anstrich versehen. Das hat aber den Nachteil, dass die besondere, spezielle Oberfläche des „béton brut“ verloren geht. Es wurden damals auch Lösungsansätze diskutiert, die eine neue Außenhaut aus Glas und Metall vorsahen, welche quasi über die alte Außenhaut gestülpt worden wäre. Letztlich wurde aber ein sehr aufwendiges Verfahren angewandt, welches von Experten, unter anderem auch vom Bundesdenkmalamt, empfohlen wurde. Jede Schadstelle, von denen es übrigens ca. 12.000 Stück gab, wurde einzeln ausgebessert und anschließend in Handarbeit an die umgebende Betonoberfläche in Struktur und Farbton angepasst.

Ab 2008 sind Sie auch mit der Erweiterung des Schulzentrums betraut worden. Welche Bauweise bzw. welche Materialen haben Sie für die Aufstockung gewählt?

Mätzler Aus statischen Gründen musste für die Aufstockung eine Leichtbauweise gewählt werden. Ich habe mich für eine Holzkonstruktion entschieden, weil es ein gutes Material für diesen Zweck ist. Bei einer Aufstockung muss es sehr schnell gehen, weil der bestehende Dachaufbau abgetragen werden muss und das Haus in dem Moment schutzlos dem Wetter ausgeliefert ist. Die Fassade ist ebenfalls ein Leichtgewicht und besteht aus einer hinterlüfteten Fassadenplatte, die sich optisch dem Bestand dezent anpasst. Mir war wichtig, dass die Aufstockung nicht plakativ auf dem Gebäude sitzt, sondern sich behutsam dem Ganzen unterordnet. Wenn manchen erst beim zweiten Blick auffällt, dass das Gebäude aufgestockt wurde, ist das ganz in meinem Sinn.