„Ökonomisch kaum vertretbar“

Vorarlberg / 26.01.2015 • 21:41 Uhr
Bahnchef Kern kündigt im VN-Interview Revolution im Nahverkehr an. Ab 2018 soll der Cityjet im Ländle fahren.
Bahnchef Kern kündigt im VN-Interview Revolution im Nahverkehr an. Ab 2018 soll der Cityjet im Ländle fahren.

Bahnchef erteilt „mehramsee“ Absage. Große Investitions­pläne im Land.

Schwarzach. 340 Millionen Euro an Investitionen sieht der ÖBB-Rahmenplan in den nächsten Jahren für Vorarlberg vor. Kernstück ist der Ausbau des Terminal Wolfurt. Zudem sollen neue Züge im Nahverkehr noch mehr Menschen für die Bahn begeistern.

Welche Bedeutung hat der Ausbau des Terminal Wolfurt für die ÖBB?

Kern: Eine ganz immense. Die internationale Arbeitsteilung nimmt zu. Globalisierung ist hier das Stichwort. Und vor diesem Hintergrund ist es notwendig, Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, die es uns im 21. Jahrhundert ermöglicht, an diesen Handelsströmen teilzunehmen. Das ist für den Wirtschaftsstandort ganz entscheidend. Infrastruktur ist neben Forschung und Entwicklung – also Innovation – und Bildung einer der drei Faktoren, die unsere Wettbewerbsfähigkeit bestimmen. Und wir glauben, dass wir mit Wolfurt ein Projekt realisieren, das ein Rückgrat der Vorarlberger Infrastruktur sein wird.

Sind damit langfristig ausreichend Kapazitäten geschaffen?

Kern: Angesichts der positiven Dynamik der Vorarlberger Wirtschaft muss man mit Prognosen sehr vorsichtig sein. Wir wurden ja auch in den letzten Jahrzehnten vom Erfolg der Vorarlberger Wirtschaft überholt. Wir haben hier an dem Standort das Projekt aber bewusst vergrößert. Wir werden zusätzlich ein Leercontainer-Depot schaffen, das ursprünglich nicht geplant war. Wir haben 66 Millionen als Investition in die klassische Infrastruktur am Terminal, da kommen aber noch einmal fast 30 Millionen Euro dazu, um die Leistungsfähigkeit zu erhöhen.

Wolfurt ist das größte Projekt, aber nicht das einzige. In Summe sollen 340 Millionen Euro in Vorarlberg investiert werden. Was ist geplant?

Kern: Wir haben im Vorjahr mit Landeshauptmann Wallner eine Vereinbarung unterzeichnet, wo diese Projekte zitiert sind. Da ist Wolfurt dabei. Was man nicht vergessen darf ist der Terminal in Ludesch, ein kleineres, aber sehr wichtiges Projekt. Warum? Da steckt die Firma Rauch und die Red-Bull-Produktion dahinter. Ein Teil der Erfolgsgeschichte ist, dass mit Vorarlberger Wasser produziert wird. Dort ist es um die Frage gegangen: Sind wir in der Lage, die Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, damit das auch so bleibt.

Das Zweite ist, dass wir die Bahnhofsinitiative fortsetzen. Wir haben mit Hohen­ems und Rankweil zwei Projekte, und Götzis kommt noch dazu.

Wie entwickeln sich die Fahrgastzahlen in Vorarlberg?

Kern: Exzellent. Vorarlberg ist, was Mobilität betrifft, Vorreiter in Österreich. Wir haben seit 2006 die Fahrgastzahlen verdoppelt. Das ist einzigartig. Wir haben die glückliche Situation, dass wir hier mit einer Landesebene zusammenarbeiten können, die mit uns 100-prozentig am selben Strang zieht. Das sieht man dann in den Zahlen. Auch die Kundenzufriedenheit ist in Vorarlberg am höchsten in ganz Österreich. Mit 98,5 Prozent Pünktlichkeit im Zugverkehr sind wir auf einem Spitzenniveau. Also wenn man so will: Es gibt für einen Bahnchef kaum ein dankbareres Land zu besuchen als Vorarlberg. Da fährt man immer gerne her.

Haben Sie also keine Ziele mehr?

Kern: Natürlich schon. Wenn wir 50.000 Vorarlberger mit dem Zug transportieren, bedeutet das: Wir haben 300.000 weitere als Potenzial. Um die muss es uns gehen. Wir müssen uns über die Kapazitäten, die wir zur Verfügung stellen können, den Kopf zerbrechen. Das ist auch beim Land ein großes Thema. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wie wir noch mehr Zugkapazitäten auf die Schienen bringen können. Auch die Modernisierung des Wagenmaterials wäre ein Projekt, mit dem wir in Gesprächen mit dem Land sind. Wir haben mit dem Cityjet im Nahverkehr ein Produkt, das neue Standards setzen wird. Der Cityjet wird der Railjet des Nahverkehrs werden. Dadurch wird es uns möglich sein, noch mehr Leute für die Bahn zu begeistern.

Bei der Finanzierung suchen die ÖBB das Land als Partner?

Kern: Das ist der Weg. Das ist, was auch notwendig ist. Wir versuchen da gemeinsam die Finanzierungslasten entsprechend zu tragen.

In Vorarlberg gibt es eine Genossenschaft, die ein Bahnthema zur Vision hat. „mehramsee“ diskutiert ein bahnfreies Seeufer. Wie groß sehen Sie die Chancen auf Realisierung?

Kern: Es ist entscheidend, Visionen zu verfolgen. Unsere Vision heißt: Wir wollen die Bahn zum Mobilitätsanbieter Nummer eins in Österreich machen. Das Wichtigste ist, bei begrenzten Mitteln in Projekte zu investieren, die den größten Nutzen für unsere Kunden, für die Anrainer, für die Gesellschaft insgesamt haben.

„mehramsee“ sehe ich auf unserer Prioritätenliste nicht weit oben, sondern ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass der Effekt, der hier eintritt, nur mit einer großen Investition, die niemand vertreten könnte, machbar wäre. Und ich weiß: Die Vorarlberger rechnen mit besonders spitzem Stift. Es ist ökonomisch kaum vertretbar. Den Effekt, den es bringen soll, der wird kaum eintreten, weil die Prognosen, die über die Güterverkehrsbelastung durch Bregenz erstellt wurden, nicht richtig sind. Wir haben heute ein bis zwei Güterzüge am Tag. Wenn es extreme Steigerungen gibt, dann werden es am Ende vielleicht zehn sein. Aber das rechtfertigt in keiner Weise eine solch aufwendige Infrastruktur. Da gibt es in Vorarlberg deutlich bessere Projekte.

Bahnchef Kern kündigt im VN-Interview Revolution im Nahverkehr an. Ab 2018 soll der Cityjet im Ländle fahren.
Bahnchef Kern kündigt im VN-Interview Revolution im Nahverkehr an. Ab 2018 soll der Cityjet im Ländle fahren.

Fakten

Tägliche Fahrgäste im Vorarlberger Nahverkehr (s-Bahn u. REX-Züge):

2007: 23.861

2008: 25.936

2009: 26.754

2010: 32.338

2011: 37.305

2012: 40.289

2013: 43.512

2014: 46.122

Zur Person

Christian Kern

Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding-AG

Geboren: 4. Jänner 1966 in Wien

Laufbahn: 1989 Start als Wirtschaftsjournalist, ab 1997 beim Verbund (2007 Vorstand), seit 2010 ÖBB-Vorstandschef

Familie: verheiratet, vier Kinder