Mit Schafsnasen gegen die Ordnung

Sonus Brass bringt das Familienkonzert „MähTropolis“ ins Festspielhaus Bregenz.
Bregenz Drei Schafe, ein Hund, ein Bauer und eine Stadt, die anders ist, als man sie sich auf einer schottischen Weide erträumt: Mehr braucht es nicht, um ein Familienkonzert in Gang zu setzen, das mit Witz und musikalischer Raffinesse vom Wunsch erzählt, aus der Ordnung auszubrechen. In „MähTropolis. Eine verrückte Schafgeschichte“ von Stefan Dünser und Markus Kupferblum, das Sonus Brass im Festspielhaus Bregenz präsentiert, leben Fred, Albert und John hoch oben in Schottland auf einer Farm. Gras gibt es genug, der Stall ist sicher, der Tagesablauf geordnet. Eines fehlt: das Abenteuer.

Denn die drei haben die Schafsnasen gestrichen voll davon, tagaus, tagein brav zu sein, Gras zu fressen und sich vom Hund Craig bewachen zu lassen. Craig achtet mit strenger Genauigkeit darauf, dass am Morgen alle vom Stall zur Weide und am Abend wieder zurück zum Farmhaus marschieren. Der Bauer Ptolemeius dagegen ist kaum eine Gefahr. Er ist meistens betrunken oder schläft. Also schmieden Fred, Albert und John einen Plan: Wenn Ptolemeius schläft und Craig an seinem Napf beschäftigt ist, wollen sie los, weg von der Farm, hinein in jene Stadt, in der Menschen mit merkwürdigen kleinen Wischapparaten unterwegs sind.

Was als Ausbruch aus der Eintönigkeit beginnt, wird bald zur Prüfung. Denn die Stadt, die sich die Schafe als Versprechen vorgestellt haben, ist nicht nur aufregend, sie ist auch laut, fremd und verstörend. Die Freiheit hat ihren Preis, und plötzlich steht die Frage im Raum, ob Zäune nur einsperren oder manchmal auch schützen. Genau darin liegt der Reiz dieses Stücks, das Kinder ab fünf Jahren ohne pädagogischen Zeigefinger an Themen heranführt, die auch Erwachsene betreffen: Was bedeutet Freiheit? Wann lohnt es sich, Regeln zu hinterfragen?

Markus Kupferblum setzt in seiner Regie auf präzise Körperarbeit, klare Figurenführung und feinen Humor. Die fünf Musiker von Sonus Brass sind nicht nur als Bläser gefragt, sie müssen auch spielen, reagieren, stolpern, staunen und mit wenigen Gesten Charaktere entstehen lassen. Stefan Dünser, von dem die Idee stammt, übernimmt gemeinsam mit Attila Krako, Zoltán Holb, Jan Ströhle und Harald Schele diese doppelten Rollen mit sichtbarer Spielfreude. Dass dabei kein gesprochener Dialog nötig ist, spricht für die Genauigkeit der Inszenierung und für die Erzählkraft des Ensembles.

Nina Ball schafft Bühne und Ausstattung, die den Wechsel von Farm und Stadt fantasievoll unterstützen, ohne die Musik zu überlagern. Pascale Defronton sorgt mit ihrer Choreografie für Beweglichkeit und Rhythmus, Mathias Zuggal gestaltet kreativ das Licht. Musikalisch spannt der Abend einen weiten Bogen: Werke und Anklänge von Josef Horovitz, Dmitri Schostakowitsch, John Cheetham, Aaron Copland, Dimitri Kabalewski, Michael Praetorius, Claude Debussy, Leonard Bernstein, Herbert Pixner und Lew Pollack fügen sich zu einer lebendigen Klangreise. Ein Höhepunkt ist ein augenzwinkerndes Medley mit Filmmusiken, in dem unter anderen die Themen aus James Bond, „Star Wars“, „Fluch der Karibik“ oder „Rocky“ kurz aufblitzen.

Sonus Brass beweist einmal mehr, wie unmittelbar Musiktheater für Kinder sein kann, wenn es seine Zuschauer ernst nimmt, ohne ihnen die Freude am Spiel zu nehmen. Nach Auftritten in der Philharmonie Luxembourg und der Tonhalle Zürich gelingt dem Ensemble auch im Festspielhaus Bregenz ein Familienkonzert, das bestens unterhält und mit großer Leichtigkeit zeigt, dass selbst Schafe manchmal weiter blicken als bis zum nächsten Grasbüschel.

Weitere Vorstellungen sind am Sonntag, 14. Juni, um 11 Uhr und um 15 Uhr im Festspielhaus Bregenz zu erleben. Das Konzert dauert rund 50 Minuten und ist für Kinder ab fünf Jahren geeignet.