In der Verrenkung erstarrte Tote bevölkern die Festwochen

Ticker / 12.07.2021 • 10:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
In der Verrenkung erstarrte Tote bevölkern die Festwochen

Im Jenseits gibt’s kein Notlicht. Zumindest nicht in jenem Ewigkeitsraum, den die ungarische Choreografin Eszter Salamon in der Halle E des Museumsquartiers im Rahmen der Wiener Festwochen auslotet. Die absolute Dunkelheit paarte sich dort am Sonntagabend mit der Schemenhaftigkeit mumifizierter Körper, die in steifer Verrenkung eine düstere Party feierten. „Monument 0.6: Heterochronie“ ist ein Abend zwischen Verschwinden und dem Ringen um Präsenz – in Zeitlupe.

Am Anfang steht das Rauschen, irgendwo verortet zwischen Wind, Meer und Atem. Aus der tiefen Schwärze der Bühnenrückwand schälen sich langsam, ganz langsam erste Umrisse weiß gekleideter Gestalten mit grotesk verdrehten Gliedmaßen, die ein Volkslied aus dem 13. Jahrhundert anstimmen. Es wird fast zwei Stunden dauern, bis sie sich an die Bühnenrampe vorgearbeitet haben werden, wo sie ein letztes Mal von kreisenden Scheinwerfern in gleißendes Licht getaucht werden, bevor sie wieder in den Tiefen des Totenreichs verschwinden.

Basis für dieses „Anti-Denkmal“, wie die Künstlerin die Teile ihrer mittlerweile aus acht „Monuments“ bestehenden Serie nennt, sind die Mumifizierungstechniken, die in den Kapuziner-Katakomben von Palermo bis 1920 praktiziert wurden. Auf der Metaebene beschäftigt sich die in Berlin und Paris verortete Künstlerin mit der in unserer modernen Gesellschaft herrschenden Tabuisierung von Krankheit und Tod und der Erinnerungskultur an sich. Die acht Performerinnen und Performer, die die abenteuerlichen Verrenkungen in der Totenstarre mit viel Liebe zum Detail zelebrieren, geben im Laufe des Abends auch zahlreiche – für die A-Capella-Präsentation arrangierte – sizilianische Volkslieder und Kirchenstücke wieder.

Und so ist es ein Abend zwischen Zombie-Apokalypse und Gedenkgottesdienst, den die Toten für sich selbst abhalten. Aus den Lautsprechern dringen immer wieder kurze gesprochene (englische) Texte, die unterschiedliche Trauerszenarien beleuchten. Sie reichen von Erinnerungen liebender Hinterbliebener bis zu erfolglosen Rettungseinsätzen im Mittelmeer. Die mumifizierten Toten werden dabei auf ihrer Prozession in den Bühnenvordergrund immer wieder von einer schwarz gewandeten Gestalt heimgesucht, die ihnen einzelne Kleidungsstücke auszieht oder die Körper neu arrangiert.

„Auch das Publikum reflektiert, dass es uns auf der Bühne sieht, weil wir leben“, erläuterte Salamon vorab im APA-Interview. „Gleichzeitig verfügen wir aber über das kollektive Wissen, dass wir sterben werden.“ Diesen Umstand streift auch ein Text, der gegen Ende des Abends gesprochen wird. „Was ihr seid, sind wir gewesen, was wir sind, werdet ihr eines Tages sein.“ Klar. Aber der Moment, in dem das jedem und jeder im Publikum mehr als deutlich gemacht wird, sorgt dennoch für einen kalten Schauer. Und so war die Erleichterung spürbar, als schließlich das Saallicht wieder anging und man andere Menschen dabei beobachten konnte, wie sie gänzlich unverrenkt die Treppen Richtung Ausgang hinaufstiegen.