Polen gewährt belarussischer Läuferin humanitäres Visum

Ticker / 03.08.2021 • 07:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit

Polen hat der belarussischen Olympionikin Kristina Timanowskaja, die nach eigenen Angaben nach Kritik an Sportfunktionären ihres Landes zur Rückkehr nach Belarus gezwungen werden sollte, ein humanitäres Visum ausgestellt. Die Athletin „steht bereits in direktem Kontakt mit polnischen Diplomaten in Tokio“, erklärte Polens stellvertretender Außenminister Marcin Przydacz am Montag auf Twitter. „Sie hat ein humanitäres Visum erhalten.“

Polen werde alles tun, „was notwendig ist, um ihr zu helfen, ihre Sportkarriere fortzusetzen“, fügte er hinzu. Timanowskaja sei in „sicherem und gutem Zustand“ an der polnischen Botschaft in Tokio. Sie werde in den nächsten Tagen nach Polen reisen, ergänzte Przydacz gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Ihr Ehemann bestätigte der Nachrichtenagentur AFP, dass sie „wahrscheinlich nach Polen gehen“ werde. Er selbst flüchtete nach eigenen Angaben aus dem autoritär regierten Belarus und hält sich demnach in Kiew in der Ukraine auf. Wegen des Konflikts seiner Frau mit den Behörden seien sie in ihrem Heimatland „nicht sicher“.

Ministerpräsident Mateusz Morawiecki forderte Konsequenzen für die Führung in Minsk. Er sprach von einem „kriminellen Versuch, eine Sportlerin zu entführen, die kritisch gegenüber dem belarussischen Regime eingestellt ist“. Die „Aggression der belarussischen Sicherheitsdienste auf japanischem Gebiet“ müsse auf „entschiedenen Widerspruch der internationalen Gemeinschaft stoßen“, forderte der polnische Regierungschef am Montagabend in einem Facebook-Beitrag. Morawiecki mahnte, dass die Olympischen Spiele ein Symbol des Friedens und des Fairplays sein sollten.

Auch Österreich wäre bereit gewesen, Kristina Timanowskaja aufzunehmen. Außenminister Alexander Schallenberg sagte laut einem Newsletter der Tageszeitung „Die Presse“: „Wir haben sie erwartet. Es liegt an ihr, wofür sie sich entscheidet.“ Die österreichische Botschaft in Tokio sei darauf eingestellt gewesen, der Leichtathletin zu helfen. Doch Timanowskaja habe sich nicht gemeldet. „Österreich duckt sich nicht weg“, insistierte Schallenberg demnach.

Die 24-jährige Sprinterin hatte Kritik in Online-Medien an den belarussischen Sportfunktionären geübt, weil sie bei den Olympischen Spielen in Japan ohne Rücksprache mit ihr für das 4×400-Meter-Rennen statt für den 200-Meter-Lauf aufgestellt worden war. Das belarussische Nationale Olympische Komitee (NOK) erklärte daraufhin, Timanowskaja scheide wegen ihres „emotionalen und psychologischen Zustands“ aus dem Wettbewerb aus.

Die Athletin wies die Behauptung zurück und bat das Internationale Olympische Komitee (IOC) um Hilfe: „Ich stehe unter Druck, und sie versuchen, mich gegen meinen Willen außer Landes zu bringen“, sagte sie in einem Video. Sie habe jedoch bei der japanischen Polizei um Schutz gebeten. Die Nacht von Sonntag auf Montag verbrachte sie unter Schutzvorkehrungen in einem Hotel auf dem Flughafen.

„Wir müssen alle Tatsachen feststellen und alle Beteiligten anhören, bevor wir weitere Maßnahmen ergreifen“, sagte IOC-Sprecher Mark Adams am Dienstag. Das IOC hatte eine Stellungnahme des Belarussischen Olympischen Komitees angefordert, die Frist lief laut Adams am Dienstag ab. Wann das IOC seine Ermittlungen abschließen werde, wollte der IOC-Sprecher nicht sagen. „Diese Dinge brauchen Zeit. Wir müssen der Sache auf den Grund gehen.“ 

Auch Tschechien und Slowenien hatten Timanowskaja Zuflucht angeboten. Frankreichs Europaminister Clément Beaune hatte sich für politisches Asyl für die 24-Jährige in der EU ausgesprochen. „Das wäre eine Ehre für Europa“, sagte er dem Sender RFI. Die außenpolitische Sprecherin der österreichischen Grünen, Ewa Ernst-Dziedzic, forderte Hilfe aus Österreich. Das österreichische Außenministerium solle umgehend prüfen, wie Österreich in diesem Fall Zuflucht gewähren könnte, betonte sie in einer Aussendung am Montag. „Bürokratische Hürden dürfen dabei nicht im Wege stehen.“

Zuvor hatte es Berichte einer Oppositionsgruppe gegeben, wonach Timanowskaja bei der österreichischen Botschaft in Tokio um Asyl anzusuchen versucht. Eine Bestätigung dafür gab es nicht. „Es hat bisher keine Kontaktaufnahme der Sportlerin mit der österreichischen Botschaft in Tokio gegeben“, erklärte ein Sprecher des österreichischen Außenministeriums der APA am Sonntagnachmittag. ÖOC-Präsident Karl Stoss sagte, Timanowskaja sei an das UN-Flüchtlingskommissariat vermittelt worden.

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko hatte sich am Donnerstag über das schlechte Abschneiden seines Landes bei den olympischen Sommerspielen beklagt. Man müsse sich mit den Trainern beschäftigen, die dafür in erster Linie die Verantwortung trügen, sagte er. Eine geleakte Tonaufzeichnung zeugte davon, dass Sportfunktionäre Timanowskaja nach ihrer Kritik an ihnen drohten und sie aufforderten, nach Belarus zurückzukehren sowie zu schweigen.