Tote und Verletzte im Drohnenkrieg Ukraine-Russland

Ticker / 12.06.2026 • 15:03 Uhr

Die Ukraine und Russland haben einander in der Nacht auf Freitag erneut gegenseitig mit Drohnenangriffen überzogen. Dabei gab es Behördenangaben zufolge Tote und Verletzte auf beiden Seiten. Die Ukraine nahm auch wieder Industrieanlagen tief in Russland ins Visier. So wurden in der für Russlands ölverarbeitende Industrie wichtigen Region Tatarstan, weit von der Ukraine entfernt, drei Menschen verletzt, als eine Drohne ein Wohnhaus traf, wie die örtlichen Behörden mitteilten.

In der dort gelegenen Stadt Nischnekamsk seien wegen der Drohnengefahr öffentliche Feiertagsveranstaltungen für Freitag abgesagt worden. Auch wurde demnach die Stadt Togliatti an der Wolga, Sitz des größten russischen Autobauers Awtowas, mit Drohnen attackiert. In der russischen Grenzregion Brjansk kamen den Angaben zufolge bei ukrainischen Drohnenangriffen zwei Menschen ums Leben, zehn weitere wurden verletzt.

Das russische Militär beschoss unter anderem Bahnhöfe, Signalanlagen und Umspannwerke in der Ukraine. Dabei wurde in der nördlichen Region Sumy den Angaben zufolge ein Bahnmitarbeiter getötet und ein weiterer verletzt. In der südlichen Stadt Mykolajiw seien vier Menschen verletzt und 14 Gebäude beschädigt worden. Das ukrainische Militär teilte mit, Russland habe seit Donnerstagabend mit 117 Drohnen angegriffen, von denen die Luftabwehr 102 abgefangen habe. Russland schoss nach Angaben des Verteidigungsministeriums in der Nacht 231 ukrainische Drohnen ab. Die Ukraine hat zuletzt ihre weitreichenden Drohnenangriffe auf russische Ölanlagen intensiviert, was unter anderem auf der annektierten Schwarzmeer-Halbinsel Krim zu Treibstoffengpässen führte. Die Nachrichtenagentur Reuters konnte die Angaben beider Seiten zunächst nicht unabhängig überprüfen. Beide Länder weisen den Vorwurf zurück, gezielt Zivilisten ins Visier zu nehmen.

Ukraine schneidet Nachschub zur Krim ab

Auch die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim war wieder Schauplatz von Kampfhandlungen. Die ukrainische Armee griff auch dort mit ihren Drohnen mehrere Ziele an. Danach wurde am Kraftwerk von Simferopol ein großer Brand beobachtet, wie der pro-ukrainische Telegramkanal “Krymskij Weter” berichtete. Am russischen Luftwaffenstützpunkt Saki gab es demnach Flugabwehrfeuer. Explosionen seien auch in anderen Teilen der Halbinsel zu hören gewesen. Die russische Verwaltung äußerte sich nicht zu den Angriffen.

Taktik der ukrainischen Armee in den vergangenen Wochen war es, die Krim zu isolieren und den russischen Nachschub zu stören. In der ablaufenden Woche seien alle drei Straßenverbindungen von der Südukraine auf die Halbinsel gestört worden, schrieb das US-amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) in seinem jüngsten Bericht. Für die Bewohner der Krim ist Treibstoff mittlerweile auch mit Bezugsscheinen kaum noch zu bekommen. Da von der Krim viele zum Tanken über die Kertsch-Brücke ins anliegende russische Gebiet Krasnodar fahren, kam es auch dort Medienberichten zufolge bereits zu Engpässen bei der Kraftstoffversorgung.

Die ukrainischen Drohnen trafen in der Nacht auch eine Raffinerie in der Stadt Nischnekamsk, die weit von der Ukraine entfernt etwa 1.000 Kilometer östlich von Moskau liegt. Dabei wurde auch ein Wohnhaus beschädigt, es gab vier Verletzte, wie die Behörden der Teilrepublik Tatarstan mitteilten. Ebenfalls getroffen wurde eine Chemie- und Kautschukfabrik in Toljatti an der Wolga. Das russische Verteidigungsministerium berichtete von 231 abgefangenen ukrainischen Drohnen, was für einen groß angelegten Angriff spricht.

Russischer Angriff auf Bahnanlagen in der Ukraine

Seinerseits griff Russland in der Nacht unter anderem Eisenbahnanlagen im nordöstlichen ukrainischen Gebiet Sumy an. Dabei wurde nach Behördenangaben eine Bahnmitarbeiterin getötet und eine weitere verletzt. Dem Stromnetzbetreiber Ukrenergo zufolge kam es in fünf Regionen wegen Angriffen auf Infrastrukturobjekte zu Stromausfällen. Die ukrainische Luftwaffe fing nach eigenen Angaben nachts 102 von 117 georteten russischen Drohnen ab.

Die ukrainische Luftwaffe warnte die Bevölkerung indes vor einem erneuten Einsatz der russischen ballistischen Mittelstreckenrakete Oreschnik. Innerhalb von 24 Stunden gebe es eine hohe Wahrscheinlichkeit für den Start einer solchen Rakete vom Testgelände Kapustin Jar im russischen Gebiet Astrachan, teilte die Luftwaffe in sozialen Netzwerken mit. Luftalarme sollten ernst genommen werden, hieß es. Am Donnerstag hatte das ukrainische Militär bereits kurz vor Mitternacht Ortszeit für knapp 14 Minuten landesweiten ballistischen Raketenalarm ausgerufen. Ein Raketenstart blieb jedoch aus.

Russland hat die experimentelle Rakete nach übereinstimmenden russischen und ukrainischen Berichten seit 2024 bereits dreimal gegen die Ukraine eingesetzt. Bei den demonstrativen Einsätzen auf Ziele in Dnipro, im westukrainischen Gebiet Lwiw und auf Bila Zerkwa bei Kiew habe die Rakete aber keine realen Gefechtsköpfe getragen. Mit einer geschätzten Reichweite von bis zu 6.000 Kilometern kann die atomwaffenfähige Oreschnik mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit selbst Ziele in Westeuropa innerhalb von Minuten erreichen. Kiew verfügt über kein Mittel zur Abwehr dieser Waffe.

Die Ukraine wehrt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Unterstützung gegen eine russische Invasion.

Ukraine will 20 Milliarden Dollar an Militärhilfe

Vor diesem Hintergrund strebt die Ukraine nun einem Insider zufolge weitere 20 Milliarden Dollar Militärhilfe von ihren Verbündeten an. Die Anfrage solle am kommenden Donnerstag bei einem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe im sogenannten Ramstein-Format gestellt werden, sagte der ukrainische Insider der Nachrichtenagentur Reuters am Freitag. Mit dem Geld wolle Kiew seinen derzeitigen Vorteil auf dem Schlachtfeld gegenüber Russland festigen.

Die russischen Vorstöße haben sich in diesem Jahr verlangsamt und sind im vergangenen Monat praktisch zum Erliegen gekommen. Grund dafür sind ukrainische Drohnenangriffe auf Nachschublinien und Logistikzentren der russischen Armee. Der Kommandant der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Brovdi, sagte Reuters, sein strategisches Ziel sei es, Russland mit eskalierenden Drohnenangriffen auf dessen Versorgungslinien zum Rückzug zu zwingen. Die Ukraine habe die Produktionskapazitäten und hochwertige Drohnen, um der Wirtschaft des Gegners “verheerende Schläge” zu versetzen. Kiew benötige dafür jedoch die finanziellen Mittel.