Waltz-Klassiker eröffnete die Sommerszene Salzburg

Ticker / 09.06.2026 • 11:14 Uhr
Waltz-Klassiker eröffnete die Sommerszene Salzburg

Ein Tisch, vier Stühle, ein Kühlschrank, eine Nähmaschine, ein Bett und fünf Tänzer: Mehr braucht Sasha Waltz nicht, um in die Abgründe, Konflikte und Allianzen einer bunten Wohngemeinschaft zu entführen. “Travellogue I – Twenty to eight”, 1993 von der eben erst gegründeten Compagnie Sasha Waltz & Guests erstmals aufgeführt, ist längst ein Klassiker des modernen Tanztheaters. Am Montagabend hat die Sommerszene Salzburg ihr diesjähriges Festival mit dem Stück eröffnet.

Die getanzte Geschichte von fünf Menschen, die sich Wohnung, Tisch und einen – fast leeren – Kühlschrank teilen, berührt auch nach drei Jahrzehnten. Eine mittlerweile klassische Performance, die in ihrer radikalen Körpersprache in den 1990er-Jahren revolutionär war und den internationalen Durchbruch der heute gefeierten deutschen Choreografin brachte. Da knallen Türen, man beobachtet und begehrt einander, kämpft um Essen und Zuwendung. Die anfängliche Leichtigkeit des Zusammenseins wird gegen Ende zu einem Überlebenskampf. Die Stimmung kippt, als ein Tänzer das von seinem Kollegen mitgebrachte Brot an sich reißt, sich riesige Brocken in den Mund stopft und den anderen nur ein paar Krümel zum Teilen lässt. Der Kühlschrank, in dem sich ein gerupftes, ganzes Huhn befindet, wird zum Kampfort der Wohnung – und damit auch zum Symbol des Machtgefälles einer ganzen Weltgemeinschaft.

Eine Prise Retrocharme

Das Stück lebt vom Wechsel poetischer Tanzszenen mit an die Schmerzgrenze gehender Ausbeutung der körperlichen und rhythmischen Möglichkeiten. Es sind die großen und kleinen Dinge, die das Leben in einer WG so schön, aber auch so konfliktreich machen, die Waltz in ihrem Stück aufgreift. Es gibt Affären, Erotik, enttäuschte Erwartungen, Langeweile, Spiele und viele große und kleine Konflikte. Der eine will schlafen und wälzt sich im Bett, während die Mitbewohnerin mit der Nähmaschine rattert, dass sich der Tisch biegt. Am Ende liegen alle erschöpft am Boden, die Welt versinkt in Dunkelheit. Das im Laufe der drei Jahrzehnte immer wieder mit neuer Besetzung einstudierte Stück über den ganz normalen Alltag junger Menschen hat nichts an Kraft und Humor verloren – und erreicht gerade mit der ihm eigenen Prise Retrocharme das Publikum. Am Ende gab es viel Applaus für die Tänzerinnen und Tänzer.

(Von Claudia Lagler/APA)

(S E R V I C E: “Travellogue I – Twenty to eight” von Sasha Waltz bei der Sommerszene Salzburg, weitere Aufführung am 9. Juni um 20 Uhr. Das Festival dauert noch bis 23. Juni 2026. )