Tote bei schweren russischen Luftangriffen auf die Ukraine

Ticker / 02.06.2026 • 23:25 Uhr

Die Zahl der Todesopfer in der Ukraine nach dem verheerenden russischen Angriff in der Nacht ist nach Behördenangaben auf 23 gestiegen. In der Millionenstadt Dnipro starben 16 Menschen, in Kiew sieben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte am Dienstagabend vor einem erneuten russischen Großangriff. Eine AFP-Analyse zeigt unterdessen, dass Russland im Mai den zweiten Monat in Folge unter dem Strich Gebietsverluste verzeichnete.

Bei den nächtlichen russischen Attacken wurden allein in Kiew nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko 66 Menschen verletzt. Der Betreiber des Kiewer U-Bahn-Netzes erklärte, mehr als 40.000 Menschen hätten am Abend in den Stationen Schutz gesucht – so viele wie seit Jahren nicht mehr. In Dnipro im Osten des Landes waren Behörden zufolge unter den mindestens 16 Todesopfern zwei Kinder. Dort war ein vierstöckiges Wohngebäude nach Beschuss eingestürzt.

“Es war ein brutaler Angriff”, sagte Präsident Selenskyj in seiner täglichen Videobotschaft am Dienstagabend. Bei dem nächtlichen Angriff seien insgesamt 130 Menschen verletzt worden. Noch in dieser Nacht könne es zu einem massiven Angriff kommen, sagte er unter Berufung auf Geheimdienstinformationen. Russland stufe ukrainische Unternehmen, die Fortschritte bei der Entwicklung und Produktion von Raketen machten, als vorrangige Ziele ein. Die Ukraine werde darauf reagieren.

UNO-Generalsekretär António Guterres verurteilte die jüngsten russischen Angriffe “aufs Schärfste”. Angriffe auf Zivilisten und zivile Infrastruktur seien nach dem humanitären Völkerrecht verboten und müssten sofort enden, erklärte sein Sprecher Stéphane Dujarric.

Rettungshelfer bei “Double-Tap”-Angriff getötet

Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe feuerte Russland in der Nacht auf Dienstag insgesamt 656 Drohnen und 73 Raketen ab, die vor allem auf Kiew gerichtet waren. Davon seien 40 Raketen und 602 Drohnen abgefangen oder unschädlich gemacht worden. Ein Sprecher der Luftwaffe erklärte, unter den Geschossen seien acht Hyperschallraketen vom Typ Zirkon gewesen. Dies sei vermutlich die höchste Anzahl dieser Raketen, die Russland seit Beginn des Krieges bei einem einzelnen Angriff eingesetzt habe.

Die Zirkon-Rakete hat nach russischen Angaben eine Reichweite von 1.000 Kilometern und fliegt mit neunfacher Schallgeschwindigkeit. Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, es habe einen massiven Schlag mit hochpräzisen Langstreckenwaffen gegen Einrichtungen der ukrainischen Rüstungsindustrie geführt. Dies sei eine Reaktion auf ukrainische Angriffe, die das Ministerium als “Terrortaten” bezeichnete.

Unter den Opfern war auch ein Rettungshelfer. Er kam bei einem sogenannten “Double-Tap”-Angriff ums Leben, bei dem ein zweiter Schlag gezielt die bereits eingetroffenen Rettungskräfte ins Visier nimmt. Nach Angaben des privaten Stromversorgers DTEK waren zeitweise mehr als 100.000 Menschen in Kiew ohne Strom, auch in anderen Regionen gab es Stromausfälle. Eine Bewohnerin namens Anastassia berichtete AFP, sie habe die “laute” und “furchterregende” Nacht in ihrem Badezimmer verbracht. “Alle Fenster wurden komplett herausgesprengt, es gibt überhaupt keine Fenster mehr”, sagte sie. “Es war nicht nur eine Explosion hier in der Nacht. Die Nacht hier war einfach ein Albtraum.”

In der nordöstlichen Region Charkiw wurden den Behörden zufolge zehn Menschen verletzt, darunter ein Kind. Wegen der fortgesetzten Angriffe ordneten die Behörden in der Region die Evakuierung von mehr als 7000 Menschen aus mehreren Ortschaften an. Die “Zone der verpflichtenden Evakuierung” werde ausgeweitet, erklärte Regionalgouverneur Oleg Synegubow im Onlinedienst Telegram. Angesichts der schweren Angriffe im Nachbarland ließ das NATO-Mitglied Polen am Dienstag Kampfjets aufsteigen, um den eigenen Luftraum zu sichern.

Russische Ölraffinerie in Flammen

Auch die Ukraine griff Ziele in Russland an. In der russischen Grenzregion Kursk wurde Behördenangaben zufolge ein Mensch bei einem ukrainischen Drohnenangriff getötet. Die ukrainischen Streitkräfte beanspruchten zudem einen Angriff auf die Raffinerie Ilskiy in der Region Krasnodar für sich, wo Behörden einen Brand nach einem Drohnenangriff gemeldet hatten.

In der an die Ukraine grenzenden Region Belgorod wurde demnach ein elfjähriger Bub verletzt, als eine ukrainische Drohne ein Wohnhaus getroffen habe. Nach Angaben des Moskauer Verteidigungsministeriums wurden in der Nacht insgesamt 148 ukrainische Drohnen über russischem Gebiet abgeschossen. Auch über der Hafenstadt Sewastopol auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim seien Drohnenangriffe abgewehrt worden.

Analyse: Gebietsverluste für Russland

Insgesamt griff Russland die Ukraine im Mai nach einer AFP-Auswertung ukrainischer Luftwaffendaten mit einer Rekordzahl von 8.150 Langstreckendrohnen an, 24 Prozent mehr als im April. Die ukrainische Luftwaffe fing demnach im Mai rund 90 Prozent der anfliegenden Drohnen und Raketen ab, hat aber weiterhin Schwierigkeiten beim Abschuss ballistischer Raketen.

Einer AFP-Analyse auf Grundlage von Daten des in den USA ansässigen Institute for the Study of War zufolge verlor die russische Armee im Mai unter dem Strich im zweiten Monat in Folge Gebiete. Demnach büßte Moskau die Kontrolle über rund 282 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums ein. Insgesamt hält Moskau den ISW-Daten zufolge aber weiterhin etwas mehr als 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt.