Baustelle Erinnerung: Ein Museum befragt belastetes Erbe

Die Ausstellung “Hitler entsorgen” im vorarlberg museum dauert bis zum 29. August 2027.
Bregenz Eine Baustelle ist kein Ort der Ruhe. Sie ist offen, provisorisch und in Bewegung. Dieses Bild wählt das Vorarlberger Landesmuseum für „Baustelle Erinnerung. Hitler entsorgen“. Erinnerung erscheint hier nicht als abgeschlossene Erzählung, sondern als Arbeit im Gange: Es wird freigelegt, geprüft, sortiert und neu zusammengesetzt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie eine Gesellschaft mit Objekten und Orten umgeht, die mit dem Nationalsozialismus verbunden sind.
Ausgangspunkt ist die Wanderausstellung „Hitler entsorgen“ aus dem Haus der Geschichte Österreich in Wien.

Im Rahmen eines „Jahres der Erinnerung“ übernimmt das vorarlberg museum diese Schau jedoch nicht unverändert, sondern erweitert sie um eine regionale Perspektive. Damit richtet sich der Blick auf Vorarlberg: auf Haushalte, Museumsdepots, Kunstsammlungen, Trachten und Erinnerungsorte.

Die Ausstellung ist wie eine Baustelle gegliedert. Ihre Bereiche heißen Baustofflager, Altlastensammelstelle, Depotplatz und Baugelände. In privaten Haushalten geht es um Keller und Dachböden, an denen NS-Objekte oft jahrzehntelang aufbewahrt oder verschwiegen wurden. Was soll damit geschehen: wegwerfen, bewahren, erklären, einordnen? Die Schau gibt keine einfachen Antworten, sondern macht Verantwortung sichtbar.

Im Baustofflager setzt sich das Museum mit eigenen Sammlungen auseinander. Gerade die Tracht zeigt, wie tief Ideologie in vertraute kulturelle Formen eindringen konnte. Kleidung, Stoffe und Schnitte wurden im Nationalsozialismus zu Zeichen von Zugehörigkeit. Die 1939 gegründete „Mittelstelle Deutsche Tracht“ organisierte die Trachtenerneuerung auch für Vorarlberg. Viele Formen wirkten nach 1945 weiter und prägen bis heute Vorstellungen von Heimat.
Der Depotplatz widmet sich der Kunst im „Dritten Reich“. Die Schau zeigt, dass es keinen einheitlichen NS-Stil gab, wohl aber klare ideologische Erwartungen. Landschaften, bäuerliche Szenen, heroische Körper oder soldatische Motive sollten Ordnung, Heimat und Gemeinschaft vermitteln. Zugleich werden Biografien sichtbar, die von Anpassung, Profit und Überzeugung erzählen.
Das Baugelände führt in den öffentlichen Raum. Es beleuchtet die Südtiroler Siedlungen in Vorarlberg, die zwischen 1939 und 1942 im Zuge der Umsiedlung deutsch- und ladinischsprachiger Menschen entstanden. Mehr als 2300 Wohnungen wurden errichtet, nahe Industriebetrieben. Enteignungen und Zwangsarbeit machen diese Siedlungen zu einem belasteten Erbe.

Heute sind sie Teil der Ortsbilder und Thema von Debatten über Erhalt, Abriss und Erinnerung.
Sabrina Sumer und Nina Sturm übersetzen das Motiv der Baustelle in den Raum: mit Bauzäunen, Transportkisten, Absperrbändern und mobilen Elementen. Ein Mobile aus stilisierten Objekten verweist auf Kunst, Siedlungen und Tracht. Seine Schatten werden zum Sinnbild für eine Vergangenheit, die nicht verschwunden ist.

Ein wichtiger Teil richtet den Blick nach vorn. Jugendbotschafterinnen laden Besucherinnen und Besucher ein, eigene Gedanken festzuhalten. Dahinter steht ein Auftrag: Demokratie und Menschenrechte sind keine Selbstverständlichkeit. Wer erinnert, übernimmt Verantwortung und schärft den Blick für Propaganda und Ausgrenzung.

Monika Sommer vom Haus der Geschichte Österreich erklärt, der Titel greife den Namen Hitler bewusst auf, auch wenn dessen Vermarktung kritisch zu sehen sei, weil die historische Dimension benannt werden müsse. „Hitler entsorgen“ gehe auf einen anonymen Brief zurück, mit dem dem Museum NS-Objekte zur Bewertung und möglichen Entsorgung übergeben worden seien. Daraus erwachse eine Verantwortung, die Museum und Gesellschaft gemeinsam tragen müssten.