Viele fragen zuerst die KI – was das für Hausärzte bedeutet: “Man muss deutlich mehr erklären”

28.01.2026 • 16:45 Uhr
Viele fragen zuerst die KI – was das für Hausärzte bedeutet: "Man muss deutlich mehr erklären"
Künstliche Intelligenz ist für viele Patientinnen und Patienten längst der erste Ansprechpartner bei Gesundheitsfragen. Für Hausärzte verändert das den Praxisalltag spürbar.VN/Stiplovsek

Wie Künstliche Intelligenz bei Hausärzten zum Einsatz kommt: Allgemeinmediziner Dr. Hannes Künz erklärt, wo sie den Praxisalltag entlastet und wo für Patienten Vorsicht geboten ist.

Darum geht’s:

  • Viele nutzen KI für Gesundheitsfragen vor Arztbesuchen.
  • KI unterstützt organisatorisch, ersetzt Ärzte jedoch nicht..
  • ChatGPT Health startete im Jänner.

Bregenz Der Hals kratzt, der Kopf schmerzt. Bevor der Anruf in der Ordination erfolgt, tippen viele Menschen ihre Symptome ins Smartphone. Sekunden später liefert das Internet mögliche Ursachen, Warnhinweise und Empfehlungen. Für viele ist Künstliche Intelligenz (KI) längst der erste Ansprechpartner bei Gesundheitsfragen. Jede Woche stellen allein rund 230 Millionen Menschen laut OpenAI Gesundheitsfragen an ChatGPT. Dies nicht ohne Folgen für den hausärztlichen Alltag.

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230 Millionen Menschen pro Woche fragen ChatGPT um gesundheitlichen Rat. VN/Stiplovsek

“Es ist selten, dass jemand offen sagt, dass er etwas bei ChatGPT nachgelesen hat”, sagt Dr. Hannes Künz (40), Allgemeinmediziner im Primärversorgungszentrum Bregenz-Vorkloster. “Aber man merkt es.” An gezielten Fragen, an Laborwerten, die angesprochen werden, oder an vorgefertigten Vorstellungen. “Die Dunkelziffer an Patienten, die KI für Gesundheitsfragen nutzen, ist sicher viel höher.”

Plausible Antworten, aber mit Risiken

Grundsätzlich habe er nichts gegen informierte Patientinnen und Patienten, betont Künz. Doch gerade KI berge neue Risiken: “ChatGPT liefert sehr plausible Antworten für Laien. Und genau das macht es heikel”, sagt der 40-Jährige. Ohne medizinischen Hintergrund sei es schwer zu unterscheiden, was davon relevant ist, was nicht und ob unnötig Ängste geschürt werden.

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Dr. Hannes Künz hat täglich 60 bis 80 Patienten bei sich in der Praxis im Primärversorgungszentrum in Bregenz. VN/Stiplovsek

Ein Beispiel: Knieschmerzen. “Da listet die KI vom harmlosen Überlastungsschmerz bis zum Kreuzbandriss eine ganze Liste an möglichen Ursachen auf.” Was fehle, sei der klinische Kontext. Dieses Phänomen kennt der Hausarzt schon seit seiner Zeit aus dem Krankenhaus. “Da kommen junge Leute nachts in Tränen aufgelöst, mit Panikattacken, weil sie Kopfschmerzen hatten und im Internet recherchiert haben”, sagt Künz, der auch als Sport- und Arbeitsmediziner praktiziert. Unter den vielen möglichen Ursachen finde sich dann auch ein Hirntumor. “Das setzt sich fest und macht Angst.” In den allermeisten Fällen seien die Ursachen von Kopfschmerzen jedoch harmlos.

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Seit 2023 arbeitet Dr. Hannes Künz im Primärversorgungszentrum Bregenz-Vorkloster – dort kommt KI auch organisatorisch im Praxisbetrieb zum Einsatz.VN/Stiplovsek

“Die ärztliche Kunst besteht darin, Beschwerden zu hören, zu untersuchen, Verdachtsdiagnosen einzugrenzen und vieles auch bewusst auszuschließen.” Für den Praxisalltag bedeutet das oft zusätzliche Erklärarbeit. “Anstatt mich auf das eigentliche Problem zu konzentrieren, muss ich viele Dinge entkräften, die klinisch keine Relevanz haben. Das kostet Zeit und Energie.” Gerade in der aktuellen Grippesaison sei das spürbar. Künz selbst behandelt zwischen 60 und 80 Patientinnen und Patienten pro Tag, im gesamten Primärversorgungszentrum sind es etwa 200 bis 250.

KI kann 60 Anrufe gleichzeitig entgegennehmen

Gleichzeitig ist KI eine große Stütze im organisatorischen Ärztealltag. Das Primärversorgungszentrum arbeitet mit einem KI-gestützten Telefonassistenten, der bis zu 60 Anrufe parallel entgegennehmen kann, Anliegen transkribiert und nach Dringlichkeit sortiert. “Wir haben täglich Hunderte Anrufe. Klassische Telefonie ist da kaum mehr zu bewältigen”, sagt Künz. Der digitale Assistent kann mehrere Gespräche gleichzeitig führen. Dringende Fälle werden rasch zurückgerufen, andere erhalten direkt einen Termin. “Das erleichtert uns die Arbeit enorm”, sagt der Hausarzt. Das System sei inzwischen auch für viele andere Praxen in Vorarlberg interessant geworden. Künz nutzt eine spezielle medizinische KI-Software für Literaturrecherche, Zusammenfassungen oder für Gesetzestexte in der Arbeitsmedizin.

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Entlastung bringt eine KI-Software am Telefon, die gleichzeitig bis zu 60 Anrufe entgegennehmen kann. VN/Stiplovsek

ChatGPT Health startete

Unterdessen hat OpenAI mit ChatGPT Health Anfang des Jahres einen spezialisierten Medizin-Bereich gestartet. Das Angebot soll helfen, Befunde oder Gesundheitsdaten einzuordnen – ausdrücklich ohne Diagnose oder Therapie. In Europa ist der Dienst derzeit noch nicht verfügbar.

“KI wird uns weiterhin beschäftigen, in allen Lebensbereichen. Aber sie sollte den Kontakt zum Hausarzt nicht ersetzen.” Wichtig sei, dass Patientinnen und Patienten offen darüber sprechen. “Früher waren wir die erste Anlaufstelle bei Gesundheitsfragen. Das sollte auch so bleiben.” Gerade in Zeiten voller Wartezimmer, hoher Belastung für medizinisches Personal und wachsender Unsicherheit gelte mehr denn je: Information braucht Einordnung. Und die kann, zumindest vorerst, nur der Mensch leisten.