“Ich verzichte auf Sudoku” – so fastet Schwester Gertrud und verrät Lektionen aus 70 Jahren Klosterleben

18.02.2026 • 16:30 Uhr
"Ich verzichte auf Sudoku" – so fastet Schwester Gertrud und verrät Lektionen aus 70 Jahren Klosterleben
Kreuzschwester Gertrud aus Feldkirch lebt im Antoniushaus am Blasenberg. VN/DJSHOM

Mit 86 Jahren leitet Schwester Gertrud acht Ordensfrauen in Feldkirch und lebt Fasten neu gedacht.

Darum geht’s:

  • Schwester Gertrud ist seit 70 Jahren im Kloster.
  • Sudoku-Verzicht während Fastenzeit bewirkt mehr Klarheit.
  • Gemeinschaft und Toleranz sind essenziell im Klosterleben.

FELDKIRCH “Schwester Gertrud, Oberin” steht auf der Tür. Und darunter: Direktorin des Antonius-Hauses. “Das hat immer schon für Verwirrung gesorgt”, sagt die 86-Jährige und lächelt. Für das Pflegeheim gibt es einen eigenen Geschäftsführer. “Ich bin rein für die Schwestern zuständig.” Acht sind es derzeit. Acht Frauen, die miteinander alt werden.

Verantwortung, das klingt nach Verwaltung, nach Zahlen und Organisation. Und tatsächlich: Das Geld für die Schwestern läuft über ihren Tisch, Abrechnungen ebenso. Doch wer Schwester Gertrud zuhört, merkt schnell: Ihr eigentlicher Auftrag ist ein anderer. “Aus nichts wird keine Gemeinschaft. Da muss man etwas dafür tun.”

Gemeinschaft gibt uns Halt

Gemeinschaft ist kein Selbstläufer. Schon gar nicht, wenn – wie im vergangenen November – vier Schwestern aus einer aufgelösten Tiroler Niederlassung dazukommen. “Die zu integrieren, ihnen ihren Platz zu geben, das ist eine wichtige Arbeit.” Sie spricht von Dankbarkeit, von Offenheit – und davon, “den Weg des Alters miteinander zu gehen, so gut es eben geht”.

"Ich verzichte auf Sudoku" – so fastet Schwester Gertrud und verrät Lektionen aus 70 Jahren Klosterleben
Im Gebet finden wir Halt. VN/DJSHOM

Der Alltag ist geprägt von kleinen Aufgaben: Tischdecken, Blumen gießen, Geschirrspüler ein- und ausräumen. Eine agile Schwester übernimmt Beschäftigungsangebote im Haus. “Die großen Dinge erledigt der Betrieb”, sagt die Oberin, “aber die kleinen halten uns zusammen.” Man isst miteinander, betet miteinander, Struktur gibt Halt. Um 7 Uhr beginnt das Morgengebet, danach folgt der Gottesdienst. “Früher sind wir um fünf aufgestanden. Das ist vorbei”, sagt sie schmunzelnd. “Aber halb sieben ist die späteste Zeit.” Schwester Matthäa aus Tirol ist für die Blumen zuständig. “Ich gehe aber auch gerne zu den Kranken oder Sterbenden und sitze einfach an deren Bett oder führe seelsorgliche Gespräche”, sagt sie. “Sie reagieren oft nicht, aber sie wissen, dass jemand da ist.” Das sei sehr wichtig.

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Schwester Matthäa bringt dem heiligen Josef im Institut St. Josef frische Blumen und sorgt dafür, dass alle Blumen im Institut regelmäßig Wasser bekommen. VN/DJSHOM

Durch Verzicht gewinnt man Zeit

Mit dem Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Im Antonius-Haus ändert sich wenig. Die Küche versorgt neben rund 70 Heimbewohnern auch die Schwestern. “Am Essen wird sich nichts ändern”, sagt sie nüchtern. “Essenfasten ist dem Einzelnen überlassen.”

Und sie selbst? Sie habe gelernt, dass klassisches Essenfasten nicht der richtige Weg für sie sei. “Wenn man für Menschen da sein muss, braucht man Kraft.” Stattdessen verzichtet sie auf Sudoku. “Ich liebe Sudoku”, sagt sie und lacht. In der Fastenzeit legt sie die Hefte bewusst zur Seite. “Es tut gut zu spüren: Ich kann es lassen.”

"Ich verzichte auf Sudoku" – so fastet Schwester Gertrud und verrät Lektionen aus 70 Jahren Klosterleben
Ruhe finden die Schwestern im Gebet in der Kapelle im Institut St. Josef VN/DJSHOHM

Was harmlos klingt, hat für sie eine tiefere Wirkung. Wer auf etwas verzichtet, gewinnt Zeit – und Klarheit. “Man merkt plötzlich: Das brauchst du nicht. Das bringt nichts.” Fasten sei kein sportlicher Ehrgeiz, keine Selbstoptimierung. “Es geht um eine tiefere Beziehung zu Gott. Wenn ich mehr Freiraum habe, wird mir das bewusster.”

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Schwester Matthäa spaziert gerne durch den Garten im Institut St. Josef.VN/DJSHOM

Mit 16 ist die gebürtige Vorarlbergerin Schwester Gertrud ins Kloster eingetreten. “Kein Mädchen geht von sich aus ins Kloster”, sagt sie ruhig. “Es muss eine Erfahrung von oben sein.” 70 Jahre sind seitdem vergangen. Sie war Lehrerin, später verantwortlich für ein Schwestern-Altersheim in Tirol. Immer ging es um Gemeinschaft.

“Je besser die Gemeinschaft funktioniert, desto mehr kommt das Positive an die Oberfläche.” Toleranz sei dabei entscheidend. “Man muss schauen, wo die Stärken eines Menschen liegen und diese dort einsetzen.

Was rät sie jungen Menschen? “Sie sollen darauf kommen, dass sie eine Seele haben.” Die brauche Ruhe, gute Beziehungen und Sinn. Vielleicht münde das in ein schlichtes Gebet. Vielleicht in Dankbarkeit. “Wir freuen uns, wenn sich jemand bei uns bedankt. Warum sollte das Gott anders gehen?”