Leserbrief: Zwei Anliegen – bitte konsequent

Zwei Wehklagen betreffend Frauenanliegen begleiten uns lautstark durch das Jahr. Erstens: weibliche Pflegearbeit sei unbezahlt. Zweitens: Die Kinderbetreuungsangebote seien weiterhin mangelhaft. Es ist in beiden Fällen zunächst eine philosophische Frage, ob und in welchem Ausmaß der Staat den Bedürfnissen einer Bevölkerungsgruppe unter die Arme greifen sollte. Sodann ist es maßgeblich von den Finanzen abhängig. Zum ersten Fall: Dass Pflegearbeit wie gewerbliche Vollzeitarbeit abgegolten werden könnte, klingt in Zeiten wie diesen leider utopisch. Zweiter Fall: Die außerhäusliche Kinderbetreuung wird mit riesigen Summen gefördert, während es für die familiäre Variante null Unterstützung gibt. Je länger Kinder zu Hause betreut werden, desto höhere Steuerbeiträge fließen von der Allgemeinheit, somit auch von Selbstbetreuer-Familien, einseitig hinüber zur staatlich privilegierten Seite. Es wäre nur soziale Gerechtigkeit, dies finanziell auszugleichen und gleichzeitig einen Schritt Richtung echter Wahlfreiheit herzustellen. In der Alten-/Krankenpflege ist dieses Prinzip mittlerweile angemessen verwirklicht. Nachdem jede größere Neufinanzierung derzeit nicht umsetzbar ist, müsste es auf ein faires Teilen bestehender Gelder hinauslaufen. Auf jeden Fall aber sollten gerade Frauenvertreterinnen ihre Forderung in logisch-konsequenten Einklang bringen und anerkennen, dass Frauen – fallweise auch Männer – mit häuslicher Kinderpflege den Großteil ihrer unbezahlten Arbeit leisten.
Gerald Grahammer, Lustenau