Vom Stickerei-Mädchen zur Ahnenforschungs-Ikone

30.03.2026 • 12:21 Uhr
Vom Stickerei-Mädchen zur Ahnenforschungs-Ikone
Gerdi Petras hat keine Scheu vor dem Computer. Sie benutzt ihn schon seit vielen Jahren. Petras

Gerdi Petras (91) machte sich im Alter als Ahnenforscherin einen Namen, indem sie mit ihrer umfangreichen Häuserchronik in Lustenau Pionierarbeit leistete.

Lustenau Gerdi Petras’ Eltern waren Lohnsticker. Sie führten die Otto-Grabher-Stickerei in Lustenau. Gerdi hielt sich als Kind oft in der Stickerei auf. “Dort bin ich praktisch großgeworden.” Nach der Hauptschule hätte die junge Lustenauerin, die in der Schule Klassenbeste war, liebend gerne eine weiterführende Schule besucht. “Ich wollte Sprachen studieren.” Doch ihre Eltern meinten: “Dich brauchen wir daheim. Du brauchst nichts lernen, weil du eh einmal heiratest.” Gerdi fügte sich und stieg nach der Schule in den elterlichen Betrieb ein. Ihre Aufgabe war es, Fehler bei den Stickereien zu korrigieren. “Ich habe fast 30 Jahre als Nachstickerin im Familienbetrieb gearbeitet. 1977 haben wir dann das Unternehmen an einen Pächter übergeben.”

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Das Bild zeigt Gerdi Petras als junge, adrette Frau.

1958 lernte Gerdi in der Jahn-Turnhalle in Lustenau ihren zukünftigen Mann kennen, den Wiener Hans Petras. Mit ihm gründete sie eine Familie. Nach einer Fehlgeburt bekam Gerdi zwei Söhne.

Die Ehe mit Hans war glücklich. “Er war ein guter Mann und hatte auch im Beruf Erfolg. Hans arbeitete sich in einem Druckvorstufenbetrieb zum Direktor hoch.” Gerdi und Hans unternahmen in der Freizeit viel miteinander. “Mein Mann war Skipper. Wir waren oft gemeinsam segeln. Auch mit dem Wohnmobil waren wir öfters unterwegs, vor allem in Skandinavien.”

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Das Ehepaar Petras hielt stets zusammen.

Dem Ehepaar waren 58 gemeinsame Jahre vergönnt. Vor zehn Jahren starb Gerdis Ehemann. Er wurde 85 Jahre alt. “Hans hatte einen Schlaganfall und war halbseitig gelähmt. Vier Wochen später starb er.” Gerdi verdrückt eine Träne. “Manchmal ist es besser, gehen zu dürfen, als bleiben zu müssen”, sagt sie. Und: “Er fehlt mir heute noch. Aber ich bin dankbar für jeden Tag, den wir miteinander verbringen durften.”

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Gerdi Petras war als junge Frau sehr sportlich. Sie machte mit ihrem Mann Bergtouren wie hier in der Silvretta.

Das Leben ging nicht immer sanft mit ihr um. Schon in jungen Jahren musste sie einen Schicksalsschlag verkraften. 1950 brannte ihr Elternhaus ab wegen einer defekten elektrischen Leitung. “Glücklicherweise schafften wir es noch ins Freie. Im Unterrock sah ich zu, wie die Flammen unser Haus auffraßen.” Jahre später, im Jahr 1981, traf sie erneut ein Schicksalsschlag. Gerdi erkrankte an Brustkrebs. “Man musste mir eine Brust abnehmen.”

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Gerdi beim Skifahren im weltbekannten Skiort Davos.

Im Vorjahr stürzte sie in ihrer Wohnung. Bis dahin ging die rüstige Frau jeden Tag vier Kilometer zu Fuß. Heute ist sie auf den Rollator angewiesen. Aber das tut ihrer Lebensfreude keinen Abbruch. “Ich würde gerne 100 Jahre alt werden.”

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Gerdi mit dem Auto auf dem Weg nach Wien.

Geistig ist Gerdi noch topfit. Das liegt vielleicht auch daran, dass sie sich in den vergangenen 20 Jahren intensiv mit Ahnenforschung auseinandergesetzt hat. Die 91-Jährige trat der Ahnenforschervereinigung IGAL bei, die im Jahr 2002 ins Leben gerufen wurde. Der Verein betraute sie mit einer großen Aufgabe. Gerdi sollte für den Lustenauer Ahnenforscherverein eine Häuserchronik erstellen. Das tat sie dann auch in jahrelanger penibler Recherche.

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Gerdi in ihrem Wohnzimmer mit ihrem Liebling Günter. Sie liebt den Dackel heiß und innig.

Die Lustenauer Häuserchronik dokumentiert die Hausnummern und Besitzer aller Lustenauer Häuser, die in den Jahren 1808 bis 1908 erbaut wurden. Sie umfasst 1400 Häuser. Damit leistete Gerdi Pionierarbeit. “Landab und landauf nahm man diese Chronik zum Vorbild.” Die Seniorin ist stolz auf ihr Werk. “Für mich war es keine Arbeit, sondern ein Hobby.” Ihr Sohn Dieter Petras, ein studierter Historiker, ist der Meinung, dass die Arbeit seiner Mutter problemlos als Doktorarbeit durchgehen hätte können. Bei der letzten Mitgliederversammlung der IGAL wurde Gerdi Petras für ihre Häuserchronik und ihre langjährige Mitgliedschaft mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet.

Gerdi Petras IGAL-Ehrung (c) Dr. Dieter Petras 2.JPG
IGAL-Obmann Georg Watzenegger verlieh Gerdi Petras die Ehrenmitgliedschaft.