“War mein Opa ein Nazi?” – Warum sich jetzt viele Vorarlberger diese Frage stellen

Erstmals kann online recherchiert werden, ob die eigenen Vorfahren Mitglieder der NSDAP waren. Die Suche dauert Sekunden. Die Folgen können Jahre nachwirken. Historiker Dr. Wolfgang Weber ordnet ein, was ein Treffer bedeuten kann.
Dornbirn Ein Name, ein paar Klicks und plötzlich steht eine Frage im Raum, die viele Familien jahrzehntelang nicht gestellt haben: Waren meine Vorfahren Mitglied der NSDAP?
Seit Kurzem ist genau das einfacher denn je zu recherchieren. Denn seit wenigen Wochen ist die Mitgliederkartei im Internet frei zugänglich: Das US-Nationalarchiv hat Millionen mikroverfilmter Karteikarten online gestellt. Die Nachfrage ist enorm, die Server zeitweise überlastet. Parallel dazu hat die deutsche Wochenzeitung DIE ZEIT die Daten aufbereitet und ein eigenes Recherche-Tool entwickelt, das die Suche vereinfacht.
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Mit wenigen Klicks lässt sich nun also überprüfen, ob eigene Angehörige Mitglieder der NSDAP waren. Was früher mit aufwändigen Anträgen und Wartezeit verbunden war, geht heute in Sekunden.
Was folgt auf einen Treffer?
Für viele Familien eröffnet das neue Möglichkeiten und stellt sie zugleich vor schwierige Fragen. Denn was folgt auf einen möglichen Treffer?
Zeithistoriker Wolfgang Weber sieht in mehr Transparenz und einem niederschwelligen Zugang zu historischen Quellen zunächst etwas Positives, warnt aber vor vorschnellen Schlüssen und vor den Folgen, wenn historische Daten ohne professionelle Einordnung veröffentlicht werden: “Wenn ich Informationen und Akten isoliert freigebe, kann das problematisch werden.”

Denn genau dieser Kontext ist bei der NSDAP-Mitgliederkartei entscheidend. “Alleine das Beitrittsdatum etwa sagt noch wenig aus”, sagt Weber und gibt ein Beispiel: Wer etwa den 20. April 1944 als Beitritt findet, könnte vorschnell auf eine bewusste Entscheidung schließen.
Tatsächlich wurden in den letzten Kriegsjahren ganze Jahrgänge der Hitlerjugend ohne ihr Wissen in die Partei übernommen – teils noch minderjährig. Damit wollten die Parteifunktionäre Adolf Hitler eine Geste der Anerkennung zukommen lassen, weil der 20. April sein Geburtstag war. “Ohne dieses Hintergrundwissen könnte aus einem Eintrag ein falsches Bild entstehen”, sagt Weber, der sich seit Jahrzehnten mit der NS-Geschichte auseinandersetzt.

“Spannungen in Familien und Dörfern”
Solche Missverständnisse könnten innerhalb von Familien oder in Dörfern zu Spannungen führen. In Vorarlberg betraf die NS-Mitgliedschaft rund 20.000 Personen, mehr als zehn Prozent der damaligen Bevölkerung. Entsprechend hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass Familien heute auf belastende Spuren stoßen.


Auch Mitgliedsnummern müssen interpretiert werden. Bestimmte Zahlenblöcke seien etwa für sogenannte “Illegale” reserviert gewesen – also für Personen, die schon vor 1938 in Österreich für die NSDAP tätig waren – oder für besonders ausgezeichnete Unterstützer.

Die Gefahr sieht Weber in der Art, wie diese Informationen heute ungefragt verbreitet werden können. “Wir können keine Garantie haben, dass mit den sensiblen Daten verantwortungsvoll umgegangen wird.”

Informationen würden schnell verbreitet, womöglich aus dem Zusammenhang gerissen. Der Historiker nennt ein Beispiel: Ein Nachbarschaftsstreit, ein Blick in die Datenbank und plötzlich landet eine Karteikarte in sozialen Netzwerken. Ohne Kontext, im schlimmsten Fall falsch zugeordnet: “Das kann gravierende Folgen haben und den Ruf ruinieren.” Der Zeithistoriker plädiert daher für mehr Begleitung durch Fachleute, die wissen, wie Quellen zu lesen sind und wo die Grenzen liegen.

“Professionelle Hilfe suchen”
Wer bei der Suche auf belastende Aspekte in der eigenen Familie stößt, sollte behutsam damit umgehen: “Suchen Sie sich professionelle Hilfe, zuerst bei den historischen Recherchen durch Fachleute, dann bei der Aufarbeitung der Rechercheergebnisse für die autobiografische Verarbeitung.”

Die Veröffentlichung könne jedenfalls ein Anstoß sein, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. Ohne fachkundige Einordnung aber berge sie auch das Risiko, Konflikte zu schaffen.
20.000 Nazis in Vorarlberg
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Österreich rund 540.000 NSDAP-Mitglieder registriert. Aufgrund gezielter Aktenvernichtungen gegen Kriegsende wird jedoch von einer deutlich höheren Zahl ausgegangen.
Das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) schätzt, dass insgesamt fast 700.000 Österreicherinnen und Österreicher der NSDAP angehörten – etwa zehn Prozent der damaligen Bevölkerung. In Vorarlberg waren rund 20.000 Menschen Mitglied der Partei, erklärt Historiker Wolfgang Weber.
NSDAP-Mitgliederkartei: Erstmals digital
Die digitalisierte NSDAP-Mitgliederkartei aus den US National Archives umfasst 5.442 PDF-Dokumente mit jeweils rund 3000 Seiten. Sie enthalten die Inhalte von Karteikarten mit handschriftlichen Notizen in Kurrentschrift, maschinengeschriebenen sowie gedruckten oder gestempelten Einträgen. Insgesamt sind es 16 Millionen digitale Einträge, die bisher nicht öffentlich digital verfügbar waren und nun seit Ende 2025 auch online zugänglich sind. Bisher war eine Einsicht nur analog und mit Hürden möglich.
Die NSDAP führte zwei parallele Karteien: eine Zentralkartei (alphabetisch nach Namen geordnet und besser gepflegt) sowie eine Gaukartei (ursprünglich nach Wohnorten sortiert). Die Karten enthalten Angaben wie Name, Mitgliedsnummer, Geburtsjahr, Geburts- und Wohnort sowie Beruf, teils auch Fotos.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Bestände im Berlin Document Center gesammelt und auf Mikrofilm gesichert, sind jedoch nur unvollständig erhalten. Insgesamt existieren rund 4,5 Millionen Karten der Zentralkartei und etwa 8,3 Millionen der Gaukartei. Trotz Lücken lassen sich laut Forschung rund 90 Prozent der NSDAP-Mitglieder nachvollziehen.