Leserbrief: Die Macht über den Ölpreis verlässt Wien – still und leise

Leserbriefe / 29.04.2026 • 15:56 Uhr
Leserbrief: Die Macht über den Ölpreis verlässt Wien - still und leise

Der Austritt der Vereinigten Arabischen Emirate aus der OPEC zum 1. Mai 2026 ist kein impulsiver Bruch – er ist das Ergebnis jahrelanger struktureller Erosion eines Kartells, das seine innere Kohäsion längst verloren hatte. Was diesen Schritt geopolitisch besonders bemerkenswert macht, ist nicht, wer ihn veranlasst hat – sondern wer gleichzeitig davon profitiert. Washington wollte billigeres Öl und eine geschwächte OPEC. Peking begrüßt jeden Preisdruck nach unten als weltgrößter Ölimporteur. Die VAE selbst wollen ihre Förderkapazität ohne Quotenzwang voll ausschöpfen. Und Moskau – dessen Staatshaushalt am Ölpreis hängt – gehört zu den stillen Verlierern. In der strategischen Analyse nennt man das eine Konvergenz der Interessen ohne Absprache. Solche Momente sind oft wirkungsmächtiger als jede koordinierte Aktion – denn niemand kann sie als Angriff zurückweisen. Saudi-Arabien wollte die OPEC führen. Jetzt führt es ein Kartell, das niemand mehr fürchtet.

Hans Mohr, Dornbirn