Wie Carmen den Krebs besiegte und das Leben neu entdeckte

18.05.2026 • 15:33 Uhr
Wie Carmen den Krebs besiegte und das Leben neu entdeckte
Carmen Ender genießt ihr zweites Leben in vollen Zügen. Dietmar Stiplovsek

Carmen Ender (65) litt an Lymphdrüsenkrebs im Kopf. Ihre Überlebenschancen lagen bei 50:50.

Dornbirn Im Herbst 2019 passierten Dinge, die Carmen Ender (heute 65) zutiefst beunruhigten. “Ich war mit dem Auto unterwegs. Ich blinkte nach rechts, doch ich bog nach links ab. Außerdem fand ich plötzlich den Weg zu meinem Physiotherapeuten nicht mehr, ich verfuhr mich.” All das alarmierte Carmen. “Ich bin dann sofort zu meinem Hausarzt gegangen. Dieser schickte mich zum MRT.” Die Untersuchung brachte nichts Gutes zutage. “In meinem Hinterkopf wurden drei Lymphome entdeckt.” Es stellte sich heraus, dass die Tumore bösartig und nicht operabel waren. “Die Ärzte sagten mir, dass ich Lymphdrüsenkrebs im Kopf hätte, das sei eine ganz seltene Krebsart. Die Überlebenschancen lägen bei 50:50.”

Carmen wurde aus dem vollen Leben in die Chemotherapie katapultiert. “An meinem 59. Geburtstag, am 25. November 2019, erhielt ich die erste, sehr aggressive Chemotherapie, sechs weitere folgten.” Carmen litt an Haarausfall, Übelkeit und Durchfall. “Zweimal fing ich mir einen Krankenhauskeim ein, ich hatte Fieberkrämpfe.” Die stärkste Chemo bekam sie in der Klinik in Innsbruck. “Mein Immunsystem wurde komplett heruntergefahren. Ich war einen Monat lang in Isolation. Das war die grausamste Zeit in meinem Leben. Ich wurde von Tag zu Tag schwächer und wurde künstlich ernährt, weil mein Rachen wund war und ich nicht schlucken konnte.”

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Da kämpfte Carmen noch ums Überleben. Aber ihren Humor verlor sie auch da nicht.

Nach vier schrecklichen Wochen beschloss sie, die Klinik zu verlassen. “Ich wollte nicht im Krankenhaus sterben. Abgemagert kam ich nach Hause, ich wog nur noch 45 Kilogramm. Aber ich war überglücklich, wieder zuhause zu sein.” Mithilfe eines Arztes für Traditionelle Chinesische Medizin kam sie wieder auf die Beine. Carmen wurde wieder gesund. “Mein Partner Jürgen hat einen großen Anteil daran. Er rief mich jeden Morgen im Spital an. Als ich heimkam, ging er wegen mir ins Homeoffice.” Die bedingungslose Liebe, die ihr in ihrem Umfeld entgegengebracht wurde, gab ihr während der Erkrankung Halt und Kraft, auch ihr starker Glaube half ihr durch die schweren Zeiten. “Ich glaube an eine gute Macht, die alles steuert.” Zu guter Letzt vertraute sie auch sich selbst. In der schlimmsten Krankheitsphase erinnerte sich die schwerkranke Frau an die Worte ihrer Großmutter. “Nehmt das Schlechte an, das euch widerfährt, ihr bekommt die Kraft dafür.”

“Jeden Morgen bin ich unbeschreiblich dankbar dafür, dass ich eine zweite Chance bekommen habe.”

Carmen Ender

Verzweifelt war die Dornbirnerin immer nur kurz. “Sicher, es gab Nächte, in denen ich durchweinte. Aber am nächsten Tag war alles wieder besser.” Rückblickend sagt sie: “Der Krebs brachte unterm Strich mehr Gutes als Schlechtes.” Sie sei heute viel zufriedener und dankbarer als vor der Erkrankung. “Jeden Morgen bin ich unbeschreiblich dankbar dafür, dass ich eine zweite Chance bekommen habe. Mein zweites Leben ist wunderschön.”

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Die Krankheit ist überstanden, die Freude groß.

Aus diesem Leben ist die Hospizarbeit nicht mehr wegzudenken. Seit dem Jahr 2022 besucht Carmen regelmäßig Menschen im Hospiz in Bregenz. “Ich kann die letzte Lebenszeit der Gäste lebenswerter machen und Wünsche erfüllen. Ich betreue sie mit viel Liebe. Das ist die erfüllendste Arbeit, die ich je gemacht habe”, sagt die ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Ein weiteres Highlight in ihrem zweiten Leben war eine neunwöchige Reise mit ihrem Partner nach Kambodscha, Thailand und Malaysia im Jahr 2022. “Das war die schönste Zeit in meinem Leben.” Die 65-Jährige macht heute nur noch das, was ihr Freude bereitet. “Ich lebe im Moment. Ich mache keine Pläne und habe keine Erwartungen an den Tag. Das sorgt für große Gelassenheit.”

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Carmen feiert ihr Überleben, hier auf der Insel Sylt.