Leserbrief: Geopolitik

Ein Detail des Iran-Krieges wurde in den Medien zwar erwähnt, ging aber sogleich wieder unter: Eine iranische Rakete erreichte aus einer Entfernung von 4000 km den amerikanischen Militärstützpunkt auf Diego Garcia, einer Insel im Indischen Ozean. Jede Vorstellung, Europa brauche keinen ausreichenden Luftschild für seine zukünftige Sicherheit, ist illusorisch. Die russische Bedrohung aus der Exklave Königsberg ist zwar wesentlich gefährlicher, aber wenn schon Möchtegern-Atomwaffenstaaten oder demnächst vielleicht ihre Terrororganisationen (Hisbollah) so weitreichend agieren können, ist das aussagekräftig. Der Begriff “Geopolitik” ist durch die heutigen Kriege endlich wieder präsent und führt Europa vor Augen, was es sträflich vernachlässigt hat. Wir glaubten im Ernst, jegliches geopolitische, militärstrategische Engagement sei überflüssig. Die USA haben, ungeachtet einiger fragwürdiger Interventionen, mit ihren Stützpunkten und ihrer Flotte sowie durch Bündnispolitik das Vordringen von dem Westen feindlich gesinnten Kräften gebremst und jenen Welthandel mit Rohstoffen und Industrieprodukten ermöglicht, ohne den wir völlig erpressbar wären. Je mehr sie sich zurückziehen, desto mehr wird Europa diese Rolle global übernehmen müssen. Wir Österreicher glauben weiterhin, sicherheitspolitisch auf Kosten anderer schmarotzen zu können. Es fragt sich, ob diese Rechnung aufgeht und ab welchem Punkt man sich dafür schämen muss. Wir wären schon mehrfach Opfer von Terroranschlägen geworden, ohne Warnungen von außerhalb.
Gerald Grahammer, Lustenau