Das Glück der Literatur

VN-Kommentar von Walter Fink.
Es war Glück. Ganz einfach unheimliches Glück. Wir sind derzeit mit Freunden in Triest, um die habsburgisch-österreichisch-italienische Stadt näher kennenzulernen. Und natürlich wussten wir, dass es hier nicht zuletzt literarische Wege zu besuchen gilt, ist doch Schloss Duino nicht weit, kommt doch der große italienische Dichter Italo Svevo aus Triest und lebte nicht zuletzt auch James Joyce lange Jahre hier. Genug zu tun also für eine Woche.
Das wirkliche Glück aber kam in Form eines Fremdenführers, der mit uns am vergangenen Montag in großem Wissen und dennoch gebührender Distanz durch die Stadt spazierte, dabei auch von Joyce und dem “Bloomsday” am nächsten Tag erzählte. Da fiel bei mir der Groschen – und ich konzentrierte mich ganz auf den 16. Juni, der von Literaturfreunden in aller Welt und ganz besonders in Dublin und Triest als “Bloomsday” gefeiert wird. Der Name leitet sich von Leopold Bloom, dem fiktiven Helden im Roman “Ulysses” von James Joyce, ab – und die Vorlage dazu war der italienische Dichter Italo Svevo aus Triest, den eine enge Freundschaft mit Joyce in seiner triestiner Zeit, die von 1904 an etwa zehn Jahre dauerte, verband. Svevo lernte bei Joyce Englisch – und Joyce bei Svevo Italienisch. Ich wollte – erstmals in meinem Leben – den “Bloomsday” begehen und besuchte das LETS, das neue Literaturmuseum in Triest, vor dem Eingang eine Bronzeskulptur von Italo Svevo, im Haus alles über Svevo und James Joyce. Ein Museum, wie es die Literatur nicht besser präsentieren könnte. Doch nicht genug: Ich verfolgte die Spuren von Joyce in Triest und – welch neues Glück – fand seine erste Wohnung in der Via San Nicolò – gerade einmal zwei Häuser von unserem Hotel entfernt. Daneben die Berlitz-Schule, in der sich Joyce und Svevo unterrichteten. Und schließlich, ein Haus daneben, das geradezu wundersame Antiquariat, in dem auch Joyce verkehrte.
Einem so intensiven Literaturtag folgte ein ähnlicher: der Besuch auf Schloss Duino. Hier begann Rainer Maria Rilke Ende Jänner 1912 seine “Duineser Elegien” – ein im Literaturkanon des 20. Jahrhunderts ähnlich wichtiges Werk wie der “Ulysses” von Joyce. Auf Duino schrieb Rilke im Jänner und Februar die ersten beiden Elegien, bis er die Zehnte Elegie abschließen konnte, sollten zehn Jahre mit Stationen nach Duino in Ronda in Spanien, Paris, München und schließlich in Muzot im Wallis vergehen. Es war ein besonderes Gefühl, im Park von Schloss Duino auf steinerner Bank an steinernem Tisch zu sitzen und jene beiden Elegien zu lesen, die an diesem Ort entstanden sind. Ich will damit nicht sagen, dass ich die “Duineser Elegien” in ihrer gesamten Tragweite, in ihrer literarischen Komplexität wirklich verstehe, wage aber doch zu behaupten, dass mich die außergewöhnliche Schönheit der Sprache, die Fragen nach Sinn und Endlichkeit, die symbolischen Figuren – vor allem jene der Engel, die keine Engel in unserem Sinne sind – tief berühren. Das Lesen im Park von Schloss Duino und der Vortag mit Joyce in Triest haben mich glücklich gemacht. Und viel Besseres kann Literatur eigentlich nicht leisten.