Leserbrief: Verwechslung von Anekdote und Statistik

Herr Rzipa (Leserbrief 4.7.2026) widerlegt den Klimawandel mit vier Jahreszahlen aus 700 Jahren Geschichte. Respekt vor so viel methodischer Kühnheit. Niemand bestreitet, dass es 1540 oder 1816 Extremjahre gab – nur behauptet auch niemand ernsthaft das Gegenteil. Die Klimawissenschaft sagt etwas ganz anderes: Anhand jahrzehntelanger Messreihen zeigt sich, dass bestimmte Extreme heute nachweislich häufiger und heftiger auftreten. Das ist eine statistische Aussage, keine Wettervorhersage für 1540. Wer sie mit ein paar hübsch ausgesuchten Chroniken kontert, betreibt keine Wissenschaftskritik, sondern Kaffeesatzleserei mit Fußnoten. Die Behauptung, heutige Katastrophen seien bloß Folge “besserer Dokumentation”, ist der Joker, der jede unbequeme Zahl aus dem Spiel nimmt, während die Attributionsforschung genau diesen Effekt längst sauber herausgerechnet hat. Das weiß man, wenn man sich informiert. Oder man ignoriert es, weil das Ergebnis sonst nicht passt. Wer unter der Flagge der “ehrlichen Debatte” mit halben Wahrheiten hantiert, betreibt keine Aufklärung, sondern Nebelwerferei mit historischem Bildungsanstrich. Das ist keine Skepsis. Das ist intellektuelle Bequemlichkeit im Sonntagsgewand. Falsifikation nach Karl Popper sieht jedenfalls anders aus.
Otto Bechter, Dornbirn