Warum die Langfristzinsen steigen – und was das für Haushalte bedeutet

Drei Fragen an Martin Walser, Vermögensberater mit Schwerpunkt Family Office und Asset Management.
Was passiert gerade mit den Zinsen, die Staaten zur Finanzierung ihrer Defizite bezahlen müssen?
In der gesamten westlichen Welt ist derzeit ein deutlicher Anstieg der langfristigen Staatsanleihenzinsen zu beobachten. Das betrifft die USA, Japan, Großbritannien und fast alle europäischen Staaten. Am “langen Ende” (20 bis 30 Jahre) sind die Zinsen seit 2022 in vielen Ländern um rund 3 Prozent bis 4 Prozentpunkte gestiegen. Auch für Österreich hat das erhebliche Folgen: Die gesamtstaatlichen Zinsausgaben sind heuer im ersten Halbjahr um 740 Millionen Euro höher als noch 2025. Der Zinsaufwand wird sich von 8,3 Mrd. Euro (2025) in nur drei Jahren auf 11,7 Mrd. Euro (2028) erhöhen. Dieser Effekt wird noch Jahre andauern, da jedes Jahr günstige Altschulden aus der Nullzinsphase auslaufen und durch Schulden mit deutlich höheren Zinsen ersetzt werden müssen.
Warum steigen diese Zinsen gerade jetzt?
Die aktuelle Situation markiert den vorläufigen Höhepunkt eines seit 2022 relativ kontinuierlichen, marktgetriebenen Anstiegs der Langfristzinsen. Es ist also kein plötzliches Ereignis, wird aber durch das Erreichen von relativen Höchstständen, teilweise der höchsten Zinsen seit 2008, nun verstärkt in unser Bewusstsein gebracht. In Europa gilt die viel zu hohe Neuverschuldung vieler Staaten als Hauptgrund für die zu Ende gehende Geduld der Kapitalanleger. Während Österreich und Deutschland 2019 noch einen leicht positiven Budgetsaldo aufwiesen, verharrt das Defizit nun – nach der verständlichen massiven Ausweitung während der Pandemie – auf einem dauerhaft zu hohen Niveau. Seit 2024 liegt das Maastricht-Defizit Österreichs dauerhaft über 4 Prozent der Wirtschaftsleistung (in Frankreich sogar bei ca. 5,5 Prozent), und das, obwohl in diesem Zeitraum das Wirtschaftswachstum leicht positiv war und eine derart hohe Neuverschuldung wirtschaftspolitisch nicht angezeigt ist.
Was bedeutet das für den Bürger, aber auch für öffentliche Haushalte?
Private Haushalte sind auf beiden Seiten des Haushaltsbuchs betroffen. Für Menschen, die Wohnraum finanzieren wollen, sind insbesondere langfristige Fixzinskredite deutlich teurer als noch 2022 (Zinserhöhung um ca. 230 Prozent). Steigende langfristige Marktzinsen wirken sich damit unmittelbar auf die Leistbarkeit von Wohneigentum aus. Private Anleger mit hohen Staatsanleihenquoten sind vermutlich gut beraten, diese perspektivisch zu reduzieren und um Aktien von Firmen mit Preissetzungsmacht, Gold und Rohstoffe zu ergänzen. Für die öffentlichen Haushalte ist die Entwicklung noch dramatischer, da die steigenden Zinsausgaben auf Ebene der Bundespolitik kaum gestaltbar sind. Je größer der Anteil des Budgets, der für den Schuldendienst benötigt wird, desto weniger Spielraum bleibt für Infrastruktur, Militär, Bildung oder Transferzahlungen. Ob hierfür der eingeschlagene Konsolidierungspfad (Stichwort: Doppelbudget 27/28) ausreicht, darf kritisch hinterfragt werden.