So erlebte eine Lochauerin 9/11 in New York: “Aus Krieg gegen Terror wurde Terror gegen Krieg”

Claudia Arthur-Flatz erlebte 9/11 mitten in New York. 25 Jahre später spricht die gebürtige Lochauerin über das damals Erlebte und die politischen Folgen des Anschlags.
Wien, Lochau Als Claudia Arthur-Flatz vor 25 Jahren, am Morgen des 11. September 2001, im 31. Stock des UN-Hauptquartiers aus dem Fenster blickt, sieht sie Rauch über der Skyline. Von ihrem Arbeitsplatz reicht der Blick gen Süden nach Lower Manhattan und zum World Trade Center. “Ich habe mir gedacht: Hier wird ein Actionfilm gedreht”, erzählt die gebürtige Lochauerin. An einen realen Anschlag denkt die damals 31-Jährige zunächst nicht. Arthur-Flatz war damals ausgerechnet in jener UN-Abteilung tätig, die sich mit der Abrüstung von Massenvernichtungswaffen beschäftigte.


Im Gang rief plötzlich eine Kollegin: “Wir werden alle sterben.” Kurz darauf wird das Gebäude evakuiert. Arthur-Flatz hält die Durchsage zunächst noch für eine Übung. Doch im Treppenhaus wird klar, dass etwas viel Größeres passiert ist. “Es ist ein Terroranschlag. Wir müssen hier raus”, habe es geheißen.


Der Weg aus dem 31. Stock zieht sich, auch weil im UN-Haus ein Kindergarten untergebracht ist. Auf der First Avenue sieht Arthur-Flatz Kampfjets tief über Manhattan fliegen. “Und dann war bereits der Geruch von verbrannten Kabeln da, und die Luft war voller Staub.” Über die Fernseher in den Cafés erfährt sie, dass der zweite Turm eingestürzt ist und auch das Pentagon getroffen wurde.

Arthur-Flatz geht in den Central Park. “Hier wird niemand etwas in die Luft sprengen, da ist kein Gebäude”, denkt sie sich. Später sind die Bankomaten leer, in den Supermärkten herrscht Chaos. Manhattan wird abgeriegelt, Brücken und Tunnel werden geschlossen. “Wir konnten nicht mehr raus, es war ein Lockdown. Und wir wussten nicht, wie lange das so ist.” Die nächsten Tage verbringt sie vor dem Fernseher: “Wir waren vollkommen traumatisiert.”

Knapp 3000 Tote im World Trade Center
Die Dimension des Terrors zeigt sich in den Zahlen: 2749 Menschen starben beim Angriff auf das World Trade Center, nur 292 Leichen konnten geborgen werden. Von weiteren 1357 Opfern wurden Überreste oder persönliche Gegenstände gefunden, rund 1100 Menschen hinterließen keine identifizierbare Spur. 1,8 Millionen Tonnen Schutt mussten abtransportiert werden.

Die Zeit danach sei von permanenter Angst geprägt gewesen, erinnert sich Arthur-Flatz. Täglich gab es neue Terrorwarnungen, später sorgten Anthrax-Briefe für Verunsicherung. “Alle Mitarbeiter in der UN erhielten Schutzmasken. Die hatte man in der Schublade seines Schreibtischs.” New York habe sich vollständig verändert.

Mehr als ein Jahr blieb Arthur-Flatz noch in der Stadt. Dann verließ sie New York. Die politische und mediale Stimmung sei kaum auszuhalten gewesen. “Es war ja nur noch Krieg, Krieg, Krieg.” Auf Afghanistan 2001 folgte der Irakkrieg. Die UN-Abteilung, in der Arthur-Flatz tätig war, konnte entsprechende Hinweise auf irakische Massenvernichtungswaffen nicht bestätigen. Trotzdem wurde der Krieg begonnen. “Die unmittelbaren Konsequenzen von 9/11 beeinflussen unsere Gegenwart und Zukunft unvermindert”, sagt sie.

“Aus Krieg gegen Terror wurde Terror gegen Krieg”
Für Claudia Arthur-Flatz hat der 11. September die Welt in ein Davor und ein Danach geteilt. “Das war eine Zäsur.” Die Welt sei sicherheitsfixierter, kontrollierter und zugleich ängstlicher geworden. Nach 20 Jahren bei den Vereinten Nationen führt die gebürtige Lochauerin heute in Wien ein eigenes Unternehmen, das im Bereich künstliche Intelligenz und Asset Management tätig ist.

Bis heute fühlt sie sich in hohen Gebäuden unwohl. Sorge bereitet ihr auch, dass komplexe Konflikte immer häufiger nur noch in Schwarz und Weiß betrachtet werden. Das erschwere differenziertes Denken und führe zu Gleichgültigkeit. “Aus dem Krieg gegen den Terror wurde permanenter Terror gegen den Krieg”, sagt Arthur-Flatz.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001
Am 11. September 2001 verübte die Terrororganisation Al-Qaida koordinierte Anschläge in den USA. 19 Terroristen entführten vier Passagierflugzeuge und steuerten zwei davon in das World Trade Center in New York. Dessen beide Türme stürzten ein. Ein drittes Flugzeug wurde in das Pentagon bei Washington gesteuert, während das vierte Flugzeug nach einem Eingreifen der Passagiere in Pennsylvania auf offenem Gelände abstürzte. Bei den Anschlägen wurden knapp 3000 Menschen getötet.
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