Wenn der Blick zum Schauplatz wird

Tyrone Egbowon untersucht im Kunstraum Remise Bilder von Rassismus, Gewalt und Erinnerung.
Bludenz Der 2000 in Wien geborene Künstler Tyrone Egbowon mit kroatisch-nigerianischen Wurzeln studiert an der Akademie der bildenden Künste Wien im Fachbereich „Expansion“ unter der Leitung von Daniel Richter. Die Ausstellung im Kunstraum Remise Bludenz widmet sich seiner Arbeit. „Strange Fruits“ verbindet Bildwelten mit Fragen der Gegenwart. Sie verweist auf rassistische Gewalt und gesellschaftliche Ausgrenzung, behandelt Geschichte jedoch nicht als abgeschlossenes Kapitel. In Egbowons Arbeiten erscheint sie als fortwirkende Bildordnung, die sich über Jahrhunderte in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben hat und bestimmt, wie Schwarze Körper gesehen, dargestellt und bewertet werden.
Ausgangspunkt seiner Arbeiten sind historische Bildquellen, kunstgeschichtliche Kompositionen, Fotografien, gesellschaftliche Narrative und persönliche Erfahrungen. Egbowon behandelt diese Vorlagen als Archive, in denen sich Blicke, Machtverhältnisse und Vorstellungen gespeichert haben. Ihre Wirkung reicht über den historischen Zusammenhang hinaus.
Dabei interessiert sich Egbowon nicht allein für die Darstellung Schwarzer Menschen. Er untersucht die Prozesse, durch die diese zu Bildern werden: zu Symbolen, Projektionsflächen, Waren, Objekten oder Stellvertretern historischer Erzählungen. Zwischen dem Menschen und dem erzeugten Bild liegt eine entscheidende Differenz. In ihr können Individualität und Menschlichkeit verloren gehen, während stereotype Vorstellungen und politische Interessen an ihre Stelle treten.
Theatralische Situationen
Egbowons Arbeiten richten sich deshalb auf den Blick, der einen Körper hervorbringt. Welche Bilder werden überliefert, ausgestellt und wiederholt? Welche gesellschaftlichen oder institutionellen Strukturen bestimmen, wer sichtbar wird und welche Bedeutung einem Körper erhält? Schwarze Körper erscheinen als umkämpfte Orte, an denen sich Projektionen, Begehren, Gewalt, historische Machtverhältnisse überlagern.
Formal treffen dunkle Bildräume auf kräftige Farben und dynamische Kompositionen. Figuren treten aus schwarzen Flächen hervor, bleiben schemenhaft oder werden durch Licht und Gesten sichtbar. Andere Arbeiten greifen die Dramatik historischer Gemälde auf. Durch Verschiebung entstehen Bildräume, die sich einer eindeutigen Lesbarkeit entziehen.
Eine Werkgruppe setzt sich mit der Bildwelt des Ku-Klux-Klans auseinander. Die weißen Kapuzen und Gewänder sind Zeichen rassistischer Gewalt. Egbowon überführt die Figuren in theatralische Situationen, die an religiöse Darstellungen oder Historienbilder erinnern. So richtet sich der Blick nicht nur auf die Täter, sondern auch auf die Formen, durch die Gewalt inszeniert, überliefert und normalisiert wird.
Die Bilder verweigern eine beruhigende historische Distanz. Sie verweisen auf Ideologien und Blickordnungen, deren Nachwirkungen spürbar sind. Egbowon untersucht die visuellen Mechanismen von Gewalt: Wie wird sie zum Bild? Wie zirkulieren solche Bilder? Welche Verantwortung ist mit ihrem Herstellen und Betrachten verbunden? Die Traumata nachfolgender Generationen erscheinen als Teil kultureller Erinnerung