Leserbrief: Lieber schlechte Presse als einen schönen Nachruf

Von Auschwitz bis zum modernen Israel zieht sich eine bittere Erfahrung der Juden durch ihre Geschichte: Mitgefühl nach einer Katastrophe kann ihre Toten ehren, doch nur Selbstverteidigung kann ihre Leben retten. Die bittere Konstante, die die Welt ihnen vermittelt, lautet: Mit toten Juden können wir oft besser umgehen als mit Juden, die sich wehren. Für ermordete Juden werden Kerzen angezündet, Kränze niedergelegt und bewegende Reden gehalten. “Nie wieder” heißt es dann. Doch wenn Juden selbst dafür sorgen, dass es kein nächstes Massengrab gibt, verändert sich der Ton. Aus Mitgefühl wird Kritik, aus Solidarität werden Forderungen nach Zurückhaltung. Das Recht auf Selbstverteidigung wird schnell durch die Debatte verdrängt, wie weit dieses Selbstverteidigungsrecht reichen darf. Genau darin liegt eine der tiefsten Spannungen der modernen jüdischen Geschichte. Israel entstand nicht, damit die Welt jüdische Opfer besser betrauern kann. Israel entstand, damit es weniger jüdische Opfer zu betrauern gibt. Durch die Geschichte bis zur Staatsgründung Israels zieht sich deshalb ein Gedanke durch die jüdische Erinnerung: Wir können nicht darauf bauen, dass andere uns vielleicht rechtzeitig retten. Golda Meir, ehemalige Ministerpräsidentin Israels, brachte die Erfahrung auf eine Formel, die bis heute nichts von ihrer Schärfe verloren hat: Lieber lebendig und kritisiert als tot und bemitleidet.
Dr. Wolfgang Hämmerle, Lustenau