Japanischer Schriftsteller Ryu Murakami gestorben

23.10.2026 • 13:13 Uhr
JAPAN-LITERATURE-DEATH
Der japanische Schriftsteller Ryu Murakami, dessen provokante Werke voller Sex und Gewalt waren und weltweit übersetzt wurden, ist gestorben. JIJI PRESS / AFP

Er war der wilde, der unbequeme unter den großen japanischen Erzählern seiner Generation.

Tokio Ryu Murakami ist im Alter von 74 Jahren gestorben. Das teilte sein Verlag Gentosha am Freitag mit. Man sei zutiefst betrübt über den Tod eines Autors, der während seiner gesamten Karriere „unermüdlich provokante Werke für ein jüngeres Publikum veröffentlicht“ habe. Murakami sei „als Vorreiter seiner Zeit mit voller Kraft durchs Leben gegangen“.

Geboren wurde er 1952 in Sasebo bei Nagasaki, einer Hafenstadt mit amerikanischem Marinestützpunkt. Die Nähe zur US-Kultur, zu Rockmusik, Drogen und der Halbwelt rund um die Basis prägte sein Schreiben von Anfang an. Noch als Kunststudent verfasste er seinen ersten Roman, „Blaue Linien auf transparenter Haut“. Das schmale Buch über junge Leute, die sich in Exzessen aus Sex und Drogen verlieren, sorgte 1976 für Aufruhr, wurde mit dem Gunzo-Preis für Nachwuchsautoren und dem Akutagawa-Preis, einer der renommiertesten Auszeichnungen Japans, geehrt und verkaufte sich mehr als eine Million Mal.

In der Misosuppe

Vier Jahre später folgte „Coin Locker Babys“: Zwei Säuglinge werden in Gepäckschließfächern eines Tokioter Bahnhofs ausgesetzt und schlagen sich später durch die Unterwelt der Metropole. Der Roman wirkte über Jahrzehnte in die japanische Popkultur hinein. In „In der Misosuppe“ führt ein junger Fremdenführer einen amerikanischen Touristen durch das Rotlichtviertel Kabukicho – eine Nachtfahrt, die in blanke Gewalt mündet.

Murakami war nie nur Schriftsteller. Er trommelte in einer Rockband, schrieb Drehbücher und führte selbst Regie, etwa bei der Verfilmung seines Debüts und bei „Tokyo Dekadenz“, der ihm 1992 auch in Europa Aufmerksamkeit verschaffte. Takashi Miike machte aus seinem Roman „Das Casting“ den international gefeierten Horrorfilm „Audition“.

In den Achtzigerjahren sprach man in Japan von den „zwei Murakamis“. Verwandt war Ryu mit dem drei Jahre älteren Haruki Murakami nicht, literarisch trennten die beiden Welten: Wo Haruki melancholische Traumräume entwarf, sezierte Ryu die Brutalität und Leere der Konsumgesellschaft. Später wandte er sich auch politischen Stoffen zu, etwa im zweibändigen Epos „In Liebe, Dein Vaterland“, in dem nordkoreanische Kommandos eine japanische Stadt besetzen.