Leserbrief: Haben wir unseren Kindern zu wenig zugemutet?

Zum Bericht “Jungen Menschen geht es schlechter”, VN vom 27. Oktober:
Dass es jungen Menschen heute zunehmend schlechter geht, überrascht mich nicht. Meiner Meinung nach wurde der Grundstein dafür bereits Ende der 1990er-Jahre gelegt, als man zunehmend von einer konsequenten Erziehung abkam. Grenzen wurden aufgeweicht, Pflichten reduziert und Anforderungen heruntergeschraubt. Kindern wird möglichst jede Schwierigkeit abgenommen, Enttäuschungen werden vermieden und ein klares Nein scheint kaum noch zumutbar. Kinder werden zunehmend wie kleine Erwachsene behandelt, dürfen überall mitentscheiden, müssen aber immer weniger Verantwortung übernehmen. Auch in unseren Schulen frage ich mich, ob durch immer mehr freie Unterrichtsformen, Selbstbestimmung und fehlende klare Vorgaben nicht genau das verloren geht, was junge Menschen dringend brauchen: Disziplin, Ausdauer und Leistungsbereitschaft. Die Digitalisierung mit ihrer ständigen Verfügbarkeit und sofortigen Bedürfnisbefriedigung verstärkt diese Entwicklung zusätzlich. Wie sollen junge Menschen lernen, etwas auszuhalten, durchzuhalten und mit Rückschlägen umzugehen, wenn ihnen genau das kaum noch abverlangt wird? Frustrationstoleranz, Selbstdisziplin und Belastbarkeit brauchen klare Grenzen, Pflichten, Verantwortung und altersgerechte Herausforderungen. Vielleicht sollten wir endlich auch unsere Erziehungs- und Bildungsvorstellungen kritisch hinterfragen. Wer Kindern jede Schwierigkeit aus dem Weg räumt, darf sich nicht wundern, wenn sie später an den Herausforderungen des Lebens scheitern.
Simone Marguerite, Bregenz