“Demokratie ist kein Selbstläufer” Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft

HE_Feldk / 09.01.2026 • 11:47 Uhr
"Demokratie ist kein Selbstläufer" Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft
Bürgermeister Manfred Rädler VN/DJSHOM

Freiheit, die Geld kostet – und Wissen, das befreit – diese Themen standen im Mittelpunkt des Neujahrsempfanges im Montforthaus

Feldkirch Feldkirch hat den Neujahrsempfang 2026 unter ein großes Thema gestellt: Freiheit und Verantwortung. Bürgermeister Manfred Rädler machte gleich zu Beginn klar, was die Stadt im neuen Jahr beschäftigen wird: “Sparen und ein wenig Rückbesinnen.” Freiheit bedeute eben auch “finanzielle Freiheit” – und die müsse man sich “wieder erarbeiten”.

2026 im Zeichen des Freiheitsjubiläums

Dass Feldkirch ausgerechnet heuer über Freiheit spricht, ist kein Zufall. 2026 steht im Zeichen des 650-jährigen Freiheitsjubiläums. In seiner Ansprache spannte Manfred Rädler den Bogen von der Geschichte zur Gegenwart – und landete sehr konkret bei Budgetzahlen und Konsolidierung.

"Demokratie ist kein Selbstläufer" Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft
Landesrätin Barbara Schöbi-Fink, Bgmst. Manfred Rädler, Festrednerin Ruth Swoboda, Vize-Bgmst. Andrea Kerbleder, Landtagspräsident Harald Sonderegger. Stadt Feldkirch

Rädler erinnerte an das Jahr 1376, als Graf Rudolf V. von Montfort den Feldkirchern einen Freiheitsbrief gewährte. Die Menschen wurden aus der Leibeigenschaft entlassen, erhielten Stadtrechte und Schutz vor fremder Gerichtsbarkeit. “Aus Untertanen wurden Bürgerinnen und Bürger mit Rechten und Verantwortung”, so Rädler. Diese Rechte seien hart erkämpft gewesen. Der Freiheitsbrief sei “so etwas wie die Magna Carta von Feldkirch”.

"Demokratie ist kein Selbstläufer" Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft
Die hervorragende musikalische Begleitung des Percussionensembles der Stella Musikhochschule hat mit ihrem Auftritt dem Thema Freiheit eine besondere Note verliehen. VN/DJSHOM

Als Beispiel für Beharrlichkeit nannte Rädler die Rückholung des Freiheitsbriefes 1996 aus Zürich. Besonders hob er Dr. Wolfgang Müller hervor, der mit Ausdauer und politischen Kontakten den Durchbruch schaffte. Dass der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger persönlich zur Übergabe kam, zeige: “Nichts kommt von selbst.”

"Demokratie ist kein Selbstläufer" Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft
Zum Ausklang servierte die Stadt Feldkirch im Sinne der Sparmaßnahmen ein Glas Most und alkoholfreie Getränke. Stadt Feldkirch

Bürgermeister Rädler warnte zudem davor, Demokratie als Selbstläufer zu betrachten. Politikverdrossenheit sei gefährlich, denn Demokratie sei kein “Hintergrundmodus”. Gleichzeitig sprach er offen über die Grenzen kommunaler Selbstbestimmung. Transferzahlungen für Sozialfonds, Rettung und Spitäler schränkten den Spielraum massiv ein: “Hier sind wir von Bund und Land abhängig und nur Beifahrer.”

Rückblick und Vorschau

Der Voranschlag 2026 weist ein Minus von 9,2 Millionen Euro aus. Nach Investitionen von rund 35 Millionen Euro im Jahr 2025 setzt Feldkirch 2026 auf kleinere, spürbare Projekte: Kinderbetreuung, Erweiterung der Volksschule Tosters, Straßen- und Abwasserinfrastruktur, Altstoffsammelzentrum und Feuerwehr. Seit Juni 2025 läuft ein Konsolidierungsprozess, der die Finanzen entlasten soll – ohne soziale Härten. Auch Gebührenanpassungen seien nicht ausgeschlossen.

Freiheit beginnt im Kopf, Unwissen macht Angst

Einen anderen Zugang zur Freiheit wählte Ruth Swoboda, Direktorin der Inatura und kostenlose Festrednerin des Abends. Wissenschaft sei kein Glaube, sondern ein überprüfbares Werkzeug. Sie verwies auf eine IHS-Studie, wonach 23 Prozent der Befragten der Evolution skeptisch gegenüberstehen. Wissenschaft habe es schwer, weil sie “nicht schnell und nicht laut” sei. Doch Kürzungen wirkten erst später – dann aber umso stärker.

Wissen schaffe Orientierung, betonte Swoboda. Wer zu wenig wisse, bewege sich “in einem engen Korridor im Kopf”. Einrichtungen wie die Inatura hätten daher eine klare Aufgabe: Neugier wecken, Wissen verständlich machen – denn Freiheit beginne im Kopf.

"Demokratie ist kein Selbstläufer" Feldkircher Neujahrsempfang mit klarer Botschaft
Ruth Swoboda, Direktorin der Inatura, konnte mit ihrer Festrede überzeugen. Stadt Feldkirch

Interview mit Ruth Swoboda “Wissenschaft im Dialog”

Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse haben unser Verständnis von Natur und Mensch zuletzt besonders verändert?
Swoboda: In der Verhaltensforschung sehen wir derzeit enorme Fortschritte. Gerade bei Primaten, aber auch bei Vögeln, wird deutlich, wie komplex Spielverhalten, Furcht oder Gemeinschaft organisiert sind. Viele dieser Erkenntnisse zeigen, wie nah uns andere Arten in bestimmten Verhaltensweisen sind.

Wissen ist heute allgegenwärtig. Was braucht es, damit daraus Orientierung entsteht?
Swoboda: Genau hier kommen Museen und Kultureinrichtungen ins Spiel. Wir übersetzen wissenschaftliches Wissen für die Gesellschaft und holen Forschung aus den Elfenbeintürmen. Wissenschaftskommunikation ist heute zentral – über Vorträge, Exkursionen oder Kooperationen.

Wie lässt sich Wissenschaft im Alltag nutzen?
Swoboda: Wenn Entscheidungen anstehen – privat oder beruflich – hilft ein kurzer Blick darauf, was die Wissenschaft sagt. Dank digitaler Werkzeuge ist es einfacher denn je, fundierte Erkenntnisse zu finden. Man muss die Wissenschaft bewusst einsetzen, wie ein Schweizer Messer.

Was bedeutet Freiheit im wissenschaftlichen Fortschritt?
Swoboda: Wissen erweitert Freiheit, weil man Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten kann. Politisch braucht es Mut zur Zeit: Wissenschaft ist nicht schnell. Studien sind kein Aufschub, sondern Fundament – ohne sie landet man schnell bei Meinungen oder Trends.

Welche Rolle spielt dabei die Inatura?
Swoboda: Wir wollen Neugier wecken, Wissen spielerisch vermitteln und Forschergeist fördern. Das stärkt Resilienz – weniger Angst, mehr Verstehen. Kleine Schritte, wie sich wirklich mit einem Thema auseinanderzusetzen, können viel verändern.