Markt schlägt Moral: Sprunghafter Anstieg bei Kälberexporten binnen eines Jahres

Trotz Initiativen und Maßnahmen werden erstmals wieder fast so viele Kälber wie 2019 von Vorarlberg ins Ausland gebracht.
Schwarzach Der Trend schien klar und erfreulich: weniger Kälberexporte aus Vorarlberg, mehr regionale Wertschöpfung. Umso ernüchternder sind die aktuellen Zahlen, die nach Jahren des Rückgangs wieder das Niveau von 2019 erreichen. Für Landesrat Christian Gantner (ÖVP) ist diese Entwicklung “alles andere als zufriedenstellend”.
Nach einem deutlichen Rückgang seit 2018 erreichten die Kälberexporte in die EU und die Schweiz im Vorjahr wieder fast das Niveau von 2019. 2025 wurden 4417 Kälber exportiert, 2024 waren es 3396. Den Tiefstand markierte das Coronajahr 2020 mit 2821 transportierten Kälbern. Während die Zahlen danach bis 2023 gemäßigt stiegen und 2024 wieder fielen, kam es von 2024 auf 2025 zu einem sprunghaften Anstieg um 1021 transportierte Kälber.

Hohe Kälberpreise in Italien
Der Rückgang 2024 sei laut Gantner weniger Ausdruck einer nachhaltigen strukturellen Veränderung gewesen, sondern vor allem Folge der Blauzungenvirus-Situation (BTV). Im vierten Quartal 2024 waren rund 30 bis 40 Prozent der untersuchten Kälber BTV-positiv. Zusätzlich drückten der hohe organisatorische und finanzielle Aufwand der verpflichtenden Untersuchungen die Exportzahlen.

Der rasante Anstieg im Vorjahr hat mehrere Ursachen: Im März/April 2025 wurden die sogenannten Verbringungsbestimmungen in Österreich und Italien geändert und der Transport von Kälbern ohne vorherige Untersuchung auf BTV wieder möglich. In der Folge kam es zu einem sprunghaften Anstieg des Handels. Die aktuelle Marktsituation verstärkt diese Entwicklung: Die Kälberpreise sind in Italien sehr hoch. Hinzu kommt, dass seit 1. Jänner 2025 Kälber für den Transport mindestens drei Wochen alt sein müssen, aus Betrieben mit eingeschränkter Kälbergesundheit sogar mindestens vier Wochen. Dadurch sind die Tiere schwerer, was – bei kilobasierter Preisberechnung – zu höheren Erlösen führt. Neben der tatsächlichen Preisentwicklung entsteht damit ein zusätzlicher rechnerischer Preiseffekt.
“Enge rechtliche Grenzen”
Gantner betont: “Dem Land Vorarlberg sind in diesem Bereich enge rechtliche Grenzen gesetzt. Tiertransporte sind durch europäisches Recht geregelt. Sind alle gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt und liegen keine Beanstandungen vor, besteht keine rechtliche Grundlage, einen Transport zu untersagen.” Ein willkürliches Verhindern genehmigungsfähiger Transporte wäre rechtswidrig.
Macht der Konsumenten
Unzufrieden ist der Landesrat auch deshalb, weil in den vergangenen Jahren zahlreiche Maßnahmen gesetzt worden seien, um Kälbertransporte zu reduzieren. Dazu zählen Initiativen wie “Kinder.Essen.Körig.”, “Vorarlberg am Teller”, die Aktion “Ländle Kalbsbratwurst” sowie Förderprogramme für Vollmilchkälber, Ländle Kälber und Fleischrinder. Der Neubau des Schlachthofs soll zusätzlich die Wertschöpfung im Land halten. “Trotz teurer Kampagnen und großer Worte ist es der Politik rund um Landesrat Christian Gantner nicht gelungen, dieses falsche und tierquälerische System zu verändern”, kritisiert Daniel Zadra, Parteichef und Tierschutzsprecher der Grünen.
Die Transportzahlen folgen den Marktbedingungen. Sie würden vor allem von Preisen und Nachfrage auf nationaler und internationaler Ebene bestimmt und lassen sich durch regionale Maßnahmen nur begrenzt steuern, sagt hingegen Gantner.
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“Festzuhalten ist, dass der größte Hebel bei der Entwicklung der Tiertransporte im Konsumverhalten jedes Einzelnen liegt – sowohl in privaten Haushalten als auch in Gastronomie und Großhandel”, betont Gantner. Konsumentinnen und Konsumenten hätten es selbst in der Hand, ob Tiertransporte weiterhin stattfinden. “Solange die Nachfrage nach Qualitätsfleisch aus Vorarlberg nicht steigt und es beim Griff ins Kaufregal keine Rolle spielt, wo ein Tier geboren, gehalten, geschlachtet und das Fleisch verarbeitet wurde und verkauft wird, bleibt der wirtschaftliche Anreiz für Exporte bestehen.”
Import/Export von Kalbfleisch
Österreich deckt seinen Bedarf an Kalbfleisch großteils durch Importe. Rund 87 Prozent des importierten Kalbfleisches stammen aus den Niederlanden, während gleichzeitig zehntausende lebende Kälber aus Österreich zur Mast in andere EU-Staaten exportiert werden. Insgesamt importiert Österreich mehr Kalbfleisch, als hierzulande produziert wird – obwohl der Selbstversorgungsgrad bei Rindfleisch (inkl. Kalb) bei rund 148 Prozent liegt. Für die Gastronomie ist importiertes Kalbfleisch besonders attraktiv, da es meist günstiger ist und eine gleichmäßige, helle Fleischfarbe aufweist. Diese wird durch eisenarme Fütterung erzielt – eine Praxis, die in Österreich aus Tierschutzgründen verboten ist.
Gerade in der Gastronomie ist die Herkunft selten transparent auf der Speisekarte ausgewiesen. Eine aktuelle Stichprobe des Dornbirner Recherchenetzwerks “The Marker” zeigte, dass Wiener Schnitzel in österreichischen Restaurants meist aus den Niederlanden stammt. Auch der Bauernbund pochte erst in dieser Woche erneut auf eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung von Lebensmitteln in der Gastronomie. Herkunft müsse auf den ersten Blick erkennbar sein. “Derzeit sind Gäste vielfach auf die Ehrlichkeit des Kellners angewiesen. Das ist zu wenig”, betonte Bauernbund-Direktorin Corinna Weisl.
“Wenn ausgerechnet die ÖVP jetzt die Herkunftskennzeichnung als Lösung präsentiert, ist das grotesk, denn ihr Wirtschaftsbund blockiert eine lückenlose Kennzeichnung seit Jahrzehnten. Statt Ausreden braucht es endlich ein klares Machtwort innerhalb der ÖVP – sonst bleibt das Tierleid politische Realität”, sagt Zadra.