Gehet hin und konsumiert

Die National Football League und ihre Merchandise-Tempel. Martin Pfanner über die Tage bis zum 60. NFL-Finale am 8. Februar.
San Francisco Um als Stadt oder Region das Endspiel der National Football League (NFL) und damit eine Super Bowl austragen zu dürfen, müssen naturgemäß zahlreiche Kriterien erfüllt werden: die Erlangung der Gunst der 32 NFL-Teambesitzer, die Jahre im Vorhinein per Mehrheitsvotum festlegen, wo gespielt werden wird, ein im Idealfall ultramodernes Stadion mit mindestens 70.000 Plätzen, ebenso mindestens 24.500 Hotelzimmer, die nicht länger als eine Stunde Fahrzeit vom Finalort entfernt sein dürfen, und ein mondänes Messegelände bzw. Convention Center.
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Letztgenanntes ist bei der bevorstehenden Super Bowl LX das Moscone Center im Herzen der nordkalifornischen Metropole San Francisco. Auf 65.000 Quadratmetern beherbergt dieses Ungetüm aus Beton und Glas das Medienzentrum, zusätzlich die sogenannte “Media Row”, wo sich Hunderte TV- & Radiomacher, Podcaster oder “Content Creator” tummeln und – für die NFL wohl am wichtigsten – die Super Bowl-Experience.

Die Super Bowl-Experience ist für die Liga ein Realität gewordener Traum aus Markenauftritt und Merchandise. In mehreren Hallen bietet sich dem geneigten Fan gegen zehn Dollar Eintritt alles, was das Football-Herz offenbar höherschlagen lässt: Mitmach-Stationen, Memorabilia aus der NFL-Geschichte, Autogrammstunden mit ehemaligen und aktuellen NFL-Stars und vor allem: Merchandise.

Football folgt Fußball-Strategie
Auf den ersten Blick ergibt es gar nicht mal so viel Sinn, dass die NFL so massiv auf das Pferd mit den Markenartikeln setzt. Denn die ca. 20 Milliarden Dollar Umsatz der NFL pro Jahr speisen sich zu deutlich über der Hälfte aus den TV-Einnahmen, die Merchandise-Einkünfte zu lediglich drei Milliarden. Allerdings ist eine gewisse Durchdringung des Fanartikel-Marktes selbstverständlich nach innen wie auch nach außen ein untrügliches Zeichen für die bestehende und wachsende Popularität der Liga.

Wer sich beispielsweise in deutschen Großstädten die Passanten etwas genauer ansieht, wird schnell feststellen, dass NFL-Merch bis auf Fußball-Fanartikel allen anderen Sportarten den Rang abgelaufen hat. Aus gut informierter Quelle wurde mir im vergangenen Kalenderjahr einmal mitgeteilt, dass die NFL in internationalen Märkten an exakt zwei Kennzahlen interessiert ist: Wie viele Streaming-Abos werden verkauft? Und wie viele Fanartikel werden abgesetzt?

In letztgenannter Kategorie muss der deutschsprachige Raum im Spitzenfeld der internationalen Märkte liegen, weil es ansonsten – wie im Dezember 2025 bereits verkündet – nicht für mindestens vier weitere Jahre NFL-Regular-Season-Partien in unserem nördlichen Nachbarland geben würde.

Angekommen im Fan-Shop. Ein Schlaraffenland an Unnötigkeiten, ein Sammelsurium an Liebhabereien und vor allem eine Wucherei par excellence. Ein Super-Bowl-T-Shirt für 50 Dollar, ein von einer 49ers-Legende unterschriebener Mini-Helm für 300 Dollar oder eine Super-Bowl-LX-gebrandete Lederjacke für satte 1000 Dollar.
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Der Fantasie, aber vor allem den Preisen, scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Und ein klein wenig lässt sich hier auch schon die Zukunft des Einkaufens erleben. Nachdem man kurz davor ist, alle seine Artikel und Mitbringsel für den Gang zur Kasse aus der Einkaufstasche zu holen, wird man von einer lächelnden Mitarbeiterin freundlich darauf hingewiesen, dass man die Tasche doch einfach nur in eine kleine Einkerbung neben der Bezahlstation stellen möge.
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Sofort blinken am Display die 11 Artikel auf, die sich in der Tasche befinden. Und die 312,45 Dollar, um die man die NFL gerade wieder reicher gemacht hat.

Martin Pfanner ist selbstständiger Journalist, TV-Kommentator und Sendungsproduzent. Er arbeitet unter anderem für das Streaming-Portal DAZN. American Football und Eishockey sind seine großen Passionen.