Das Highlight gleich zu Beginn

Marc Girardelli über die Faroritenrolle in der olympischen Herrenabfahrt.
Das sportliche Highlight der Winterspiele ist zweifellos die Herrenabfahrt. In diesem Jahr wird sie auf der ebenso denkwürdigen wie berüchtigten Stelvio in Bormio ausgetragen. Bereits die drei Trainingsläufe entwickelten sich zu einem taktischen Kräftemessen der Favoriten und zu einem bewussten “Sichtbarwerden” der Außenseiter.
Die Strecke war durch eine dünne Neuschneeschicht zwar leicht entschärft, wurde jedoch durch schlechte Sichtverhältnisse extrem heikel. Nicht nur Daniel Hemetsberger entkam nur knapp einer Katastrophe – auch Topfavoriten wie Franjo von Allmen und Marco Odermatt wurden auf dem falschen Fuß erwischt und konnten einen Sturz nur dank blitzschneller Reaktionen verhindern.
Doch Trainingsläufe bei Großereignissen waren selten ein verlässlicher Spiegel des späteren Rennresultats. Viele arrivierte Athleten taktieren, testen gezielt einzelne Passagen und gehen bewusst nicht ans absolute Limit.
Nicht so allerdings Cyprien Sarrazin vor zwei Jahren: Mit maximalem Risiko provozierte er im Training einen schweren Sturz – und bezahlte diesen mit dem abrupten Ende seiner Karriere.
Die Routiniers wählen einen anderen Ansatz: Sie attackieren ausgewählte Schlüsselstellen voll, nehmen in anderen Abschnitten Tempo heraus. Einer, der dieses Spiel perfekt beherrscht, ist Vincent Kriechmayr – der Altmeister im ÖSV-Team und vielleicht auch der einzige Athlet, vor dem die Schweizer echten Respekt zeigen. Allein seine Entscheidung, Crans-Montana auszulassen und stattdessen gezielt in Saalbach zu trainieren, spricht Bände. Seine Erfahrung auf dieser Strecke ist unbezahlbar. Wer sich in Bormio umhört, hört seinen Namen immer wieder.
Doch auch ein weiterer Österreicher sollte keinesfalls außer Acht gelassen werden: Raphael Haaser. Er ist einer, dem hier ein Exploit zuzutrauen ist. Was er im vergangenen Jahr in Saalbach gezeigt hat, ist allen noch präsent. Die schnellen Disziplinen liegen ihm, und selbst aus dem Schweizer Lager ist zu hören, dass er im Training einige Schlüsselpassagen extrem stark absolviert und die Strecke sehr gut im Griff hat.
Und die Italiener? Bei einem Heimrennen muss man sie immer auf dem Zettel haben. Dominik Paris, Rekordsieger auf der Stelvio, ist zweifellos ein Medaillenkandidat – nicht zuletzt wegen seiner starken Leistung in Crans-Montana, wo er erstmals seit Langem eine Abfahrt ohne gröbere Fehler ins Ziel brachte. Noch stärker schätze ich allerdings Florian Schieder ein, der den gesamten Winter über sehr konstant fährt und dessen Formkurve klar nach oben zeigt.
Trotz all dieser Spekulationen stehen für mich die beiden Schweizer Franjo von Allmen und Marco Odermatt ganz oben auf der Favoritenliste. Die Stelvio ist nach Kitzbühel die anspruchsvollste Abfahrt im Weltcup-Zirkus. Und beide beweisen die gesamte Saison hindurch, dass sie hier nur zu schlagen sind, wenn ihnen selbst Fehler unterlaufen.
In Peking fehlte Matthias Mayer nur wenig zum Olympiasieg, und auch Vincent Kriechmayr war nicht weit entfernt. Vielleicht ist genau das die Motivation, heute alles zu riskieren – und mit einer fehlerfreien Fahrt ganz oben zu stehen.