Versöhnliches Ende

Sport / 17.02.2026 • 09:20 Uhr
Versöhnliches Ende
Bild zeigt eine Szene/ein Motiv vom Weltcuphang in Zürs:

Marc Girardelli über den Abschluss der Alpinen Herrenbewerbe bei den Winterspielen.

“Erstens kommt es anders, zweitens, als man denkt.” Das geflügelte Wort von Wilhelm Busch beschreibt den Verlauf dieser Olympischen Spiele treffender als jede Prognose. Nach der ernüchternden Bilanz in den Speedbewerben sorgten ausgerechnet die beiden Kombinationsrennen für positive Schlagzeilen. Beide Medaillen waren jedoch auch vom nötigen Glück begleitet: Die Herren entschieden einen Hundertstelkrimi für sich, bei den Damen kam eine unerwartete Leistungsschwäche von Mikaela Shiffrin hinzu.

Diese Erfolge nährten die Hoffnung auf weitere Medaillen in den technischen Bewerben. Vor allem im Riesenslalom der Herren schienen die Chancen mit Marco Schwarz und Stefan Brennsteiner durchaus realistisch. Beide hatten in dieser Saison bereits Weltcuprennen gewonnen. Doch der erste Durchgang in Bormio brachte die Ernüchterung. Die ungewöhnlich warmen Temperaturen der Vortage hatten die Piste stark verändert und die Läufer mit frühen Startnummern klar begünstigt. Schuldzuweisungen greifen hier zu kurz – am Ende hatte jedoch nur einer das entscheidende Glück: Lucas Pinheiro Braathen mit Startnummer eins.

Damit blieb aus österreichischer Sicht nur noch der Slalom. Die Hoffnungen ruhten auf Manuel Feller, der zuletzt in Kitzbühel souverän gewonnen hatte und bestens vorbereitet war. Die Piste präsentierte sich hart, gefroren und technisch anspruchsvoll. Eine Hundertschaft an Helfern hatte in der Nacht unermüdlich gearbeitet, um den leichten Neuschnee aus der Strecke zu rutschen.

Doch auch im Slalom wiederholte sich das Muster des Riesenslaloms. Atle Lie McGrath nutzte die frühe Startnummer und setzte mit Nummer eins eine überlegene Bestzeit. Kein Konkurrent kam auch nur annähernd in seine Nähe. Einziger Lichtblick aus rot-weiß-roter Sicht war Fabio Gstrein, der sich unter äußerst schwierigen Bedingungen auf Rang drei platzierte. Insgesamt wurde der erste Durchgang zur Ausfallorgie: Mehr als die Hälfte des Feldes schied aus oder unterliefen schwere Fehler. Die extremen Bedingungen ermöglichten sogar einem Läufer aus Haiti den Vorstoß in die Top 30 – sein Jubel im Ziel erinnerte an einen Olympiasieg und lieferte ein seltenes Bild.

Trotz Rückständen von bis zu zwei Sekunden schöpften die verbliebenen Athleten im zweiten Durchgang noch Medaillenhoffnung. Auf dem einfach gesteckten Kurs war volles Risiko gefragt. Titelverteidiger Clément Noël wollte zu viel und fädelte bereits nach wenigen Toren ein. Henrik Kristoffersen zeigte anschließend seine Klasse mit einem starken Lauf und setzte sich an die Spitze.

Dann kam Gstrein. Seine Bilanz in zweiten Durchgängen ließ wenig Optimismus zu, doch dieses Mal widerlegte er alle Zweifel. Mit kluger Linienwahl im Steilhang und blitzschnellen Bewegungen im flachen Teil absolvierte er nahezu einen perfekten Lauf und distanzierte Kristoffersen klar. Die Medaille war gesichert.

Loïc Meillard, nach dem ersten Durchgang Zweiter, zeigte anschließend einen Lauf wie aus einem Guss. Rhythmisch und souverän meisterte er alle Passagen und fing Gstrein in den letzten drehenden Toren hauchdünn ab.

Nun war nur noch der Dominator des Vormittags am Start. Eine halbe Sekunde Vorsprung gilt im Slalom als trügerisch – und das bestätigte sich erneut. McGrath scheiterte an den eigenen Nerven und schied bereits nach wenigen Toren aus.

Der große Gewinner dieses Tages war für mich Fabio Gstrein: ein Athlet, der im entscheidenden Moment seine beste Leistung abrief und der österreichischen Mannschaft zum Abschluss doch noch ein versöhnliches Ergebnis bescherte.