Gedenken an Verfolgung der Zeugen Jehovas

Die religiöse Minderheit wurde nicht erst unter den Nazis verfolgt.
Bludenz Kürzlich luden das Stadtarchiv Bludenz und der Geschichtsverein Region Bludenz – in Kooperation mit ERINNERN.AT, Johann-August-Malin-Gesellschaft, vorarlberg museum und VÖGB – zu einer Gedenkveranstaltung ein. Stefan Stachniß, Obmann des Geschichtsvereins, begrüßte die rund 50 Besucher in der Remise und stellte fest, wie wichtig es sei, Themen wie die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der Zeit des Nationalsozialismus, aber auch anderer Minderheiten immer wieder anzusprechen.

Als Referenten zu diesem interessanten Thema konnten Dr. Harald Walser und Dr. Gerti Malle gewonnen werden. Der Vorarlberger Historiker beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit Themen des Nationalsozialismus und publizierte schon vor vielen Jahren auch zu diesem speziellen Thema. Inzwischen habe sich aber die Quellenlage deutlich verbessert, sodass tiefgründigere Forschungen angestellt werden könnten. Walser ging bei seinem Überblick auf die spezielle Situation der Zeugen Jehovas in Vorarlberg ein. Er erklärte, dass die Zeugen Jehovas trotz ihrer geringen Zahl schon nach dem 1. Weltkrieg auch in Vorarlberg als Minderheit ausgegrenzt wurden. Die spezielle Lage des Landes habe dazu geführt, dass es seit den 1920er-Jahren gewissermaßen als Drehscheibe fungierte. Zum einen wurden Schriftwerke aus der Schweiz nach Österreich geschmuggelt und hier verteilt, zum anderen flüchteten zahlreiche Angehörige der Glaubensgemeinschaft ins Nachbarland, vor allem als es bereits 1936 in den Zeiten des Austrofaschismus zum Verbot kam. Mit dem Anschluss an Nazi-Deutschland verschärfte sich die Situation weiter. Auch wenn die Zahlen unsicher seien, dürften etwa 10.000 sog. “Bibelforscher” verhaftet worden und 2.000 von ihnen in KZs gelandet sein. 1200 Personen wurden schließlich hingerichtet. Dabei hätten sie als einzige Insassen von KZs die Möglichkeit gehabt, entlassen zu werden, wenn sie das System akzeptiert und ihrem Glauben abgeschworen hätten.

Im zweiten Teil referierte die Klagenfurter Historikerin Dr. Gerti Malle, die sich seit einem Vierteljahrhundert mit der Thematik beschäftigt, über ihr im Vorjahr erschienenes Buch “Jehovas Zeugen in Österreich”. Neben einer Übersicht über die einzelnen Kapitel der umfangreichen Publikation präsentierte sie Biografien von drei verfolgten Zeugen Jehovas. Hermine Liska wurde als Elfjährige der Familie weggenommen, überlebte den Krieg aber und stellte sich ein Leben lang als Zeitzeugin der Bildungsarbeit zur Verfügung. Franz Samonig hatte weniger Glück: Der Wehrdienstverweigerer – damit stand er in der langen Reihe von Männern der Zeugen Jehovas, die den Dienst mit der Waffe ablehnten – wurde zum Tode verurteilt und 1941 hingerichtet. Katharina Thaller war doppelt gefährdet, einerseits durch ihre Behinderung infolge von Kinderlähmung, andererseits wegen der Zugehörigkeit zu den Zeugen Jehovas. Sie überlebte im Frauen-KZ Ravensbrück und schilderte der Referentin ihre dortigen Erfahrungen. Kraft habe sie geschöpft durch Lesen, Singen und Sprachenlernen.

Die Ausführungen der beiden Referenten sorgten für betretenes Schweigen in der Remise. Die Betroffenheit führte dazu, dass Moderator Johannes Spies von erinnern.at nur schwer eine Diskussion in Gang brachte. Das war ein Beleg dafür, wie wichtig gerade in Zeiten wie diesen die Erinnerungen an die Grauen des Nazi-Terrorregimes sind. Man darf nicht vergessen, wie schnell Minderheiten auch heute noch ausgegrenzt und verfolgt werden. OS


