Xaver Bayer und die Chronologie der klimatischen Veränderungen

Mit seinem Roman „Hauch” kehrt Autor Xaver Bayer zurück auf die Autoren-Bühne.
Schwarzach Sechs Jahre nachdem er den Österreichischen Buchpreis gewonnen hat, präsentiert Xaver Bayer “Hauch”, einen Briefroman, in dem sich das Paar, der Schriftsteller Veit und die Übersetzerin Dora, eben sehr regelmäßig Briefe schreibt. Sie haben vereinbart, sich ein Jahr nicht zu sehen, die Ursache erfahren wir nicht, ist auch nicht weiter relevant, als einziges „erlaubtes” Kommunikationsmittel zwischen ihnen dient eben der Brief. Zum einen wirft das den Leser in eine alte Zeit, als Briefromane und Briefwechsel noch eine übliche Form waren, siehe beispielsweise Fritsch und Bachmann oder Fritsch mit Dürrenmatt, um bei modernen Klassikern zu bleiben.

Bei Bayer überrascht der Inhalt: Weder Romantik noch Beziehungsstress sondern Wetterkapriolen, die Veränderung der Welt als Gesamtheit und eben die Gedanken, die sie sich darüber machten auch in Bezug auf ihre Tätigkeit, sind Thema des Romans.
Prachtvolle Bilder treffen unheimliche Inhalte
Ob jetzt beim Nachbarn Hühner – aus einer nicht artgerechten Haltung herauskauft – erstmals in ihren Leben dem Instinkt nachkommen dürfen und nach Käfern und Würmern scharren, oder ein Falke eine Meise schlägt, Schriftsteller Veit beobachtet penibel die Vorgänge aus dem Wohnzimmerfenster seines Hauses. Dazu muss man sagen, es windet permanent – als ob es ein Meeresrauschen wäre, verlässt der Wind den Roman in keiner Zeile und eben auch ein Hauch, so der Titel des Romans, ist eine Teilchenbewegung in den Lüften. Höhepunkte sind Stürme, die sich auch in der Beschreibung als Heilsbringer oder Unheilsbringer, je nach dem, als Naturereignis entpuppen. Aber nein, nicht in Afrika oder am Amazonas, sondern irgendwo in Österreich finden die Ereignisse statt. Parallel dazu arbeitet Dora als Übersetzerin in der Stadt und auf diversen Symposien verteilt auf der ganzen Welt. Sie schildert dort die kleinen und nicht so kleinen Veränderungen und Auffälligkeiten im urbanen Bereich. Der Beton glüht und die Menschen fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem Umfeld. Dazu hält sie ganz präzise fest, wie sich durch KI und Übersetzungsmodule ihr Job verändert und zum Teil im Nichts auflöst.
Weder toxische Befindlichkeiten, noch „Nordwind-Gefühle”
Xaver Bayer nutzt die Form des Briefeschreibens sehr gut: Seine Figuren beschreiben einander die Gegenwart, wie es um die Welt in ihrem Sichtbereich bestellt ist, und stellen Fragen. Wer hier nach Antworten sucht, liegt falsch, der Leser wird also zum Nachdenken eingeladen. Dass hier eine gewisse Entfremdung der Figuren stattfindet, liegt in der Natur der Tatsachen. Es ist jetzt ein persönlicher Rückzug der Charaktere und zum Glück ohne in toxische Befindlichkeiten abzudriften, noch in die Gefilde des gefühlsschwangeren „Nordwinds“ vorzudringen. Den Protagonisten reicht vollends Natur und Gegend zu betrachten und die damit verbundene Ohnmacht mitzuerleben. Die Stürme nehmen in Veits Part merklich zu, die Welt zeigt sich hier in allen Farben, ein Hauch Götterdämmerung spielt mit, doch anstatt erlösender Regen folgt Hagel – welch eine Bestrafung, ohne dass die Natur in menschlichem Maße misst. Es passiert, was passieren muss. In Doras Wohnhaus sterben Menschen, ohne dass sie weiß, dass sie dort leben. Aber man ist viel weg und man redet auch nicht mehr so viel miteinander. Dieser Roman packt die Probleme von einer anderen Seite an, dazu liest er sich sehr geschmeidig, die Welt ruiniert sich flüsternd, der Mensch entsorgt sich selbst. Falls die Revolution kommt, dann auf samtenen Pfoten. Eine Empfehlung.
Martin G. Wanko