Tangomekka am Inn

Kultur / 12.05.2026 • 14:49 Uhr
Noelia Moncada und das Orquesta típica Messiez. c Gaz Blanco
Noelia Moncada und das Orquesta típica Messiez. Gaz Blanco

Weltklasse-Festival La Locura zum siebten Mal in Innsbruck

Innsbruck Das Haus der Musik ist seit 2019 Schauplatz eines Festivals für Tango argentino, das weltweit einzigartig ist. Joachim Tschütscher und seinem Team vom Verein Dos Tangos gelingt es Jahr für Jahr, die Weltspitze der Tango-Musikerinnen und Musiker aus Argentinien und Europa nach Innsbruck zu bringen. Bei den Konzerten im Großen Saal darf auch getanzt werden, im Kleinen Saal treten ausgewählte Spitzenensembles auf. Es ist so etwas wie die Schubertiade des Tango argentino: „So perfekt, so hochprofessionell, das gibt es nirgendwo“, meinte ein Teilnehmer. Und wie bei der Schubertiade ist auch das Publikum multinational, sehr professionell und gleichzeitig hochemotional.

Am Freitag konfrontierte Tschütscher die Zuhörer u. a. mit einem Härtetest, dem innovativen Pablo Murgier Pazdera Quintett: Die Musiker stammen aus Italien, Frankreich, Norwegen, Brasilien und Argentinien; bei ihnen werden Jazzelemente integriert und Piazolla dekonstruiert. Zu den Höhepunkten im Kleinen Saal zählte das Trio aus Fabrizio Colombo (Bandoneon), der sagenhaften Pianistin Émilie Aridon-Koziolek und Lucas Frontini am Kontrabass, die in ihren Arrangements traditionelle Tangos und Ausflüge in den Jazz kombinieren. Vor dem Panoramafenster peitschte der Sturm eine riesige Eiche, im Saal kochten die Emotionen. Die Crème de la crème des Tango Argentino konnte man mit dem Trio aus dem legendären Bandeonisten Horacio Romo, dem eleganten Violinisten Pablo Agri, der mit der von seinem Vater Antonio Agri arrangierten Fassung von „Nostalgias“ für Violine solo brillierte, und dem virtuosen Energiebündel Emiliano Messiez am Piano kennenlernen.

Ein Schwerpunkt lag heuer auf den Sängerinnen: Nicht weniger als sechs traten im Lauf des Festivals auf. Absoluter Höhepunkt waren die Auftritte der ganz großen argentinischen Sängerin Noelia Moncada, die in einem Abendkonzert im Großen Saal mit dem Damián Foretic Trio das Publikum mit ihrer Stimme, die vom engelsgleich gehauchten hohen Piano bis zu kraftvollen tiefen Tönen reicht, und ihrer unvergleichlichen Gestaltungskunst in einen Begeisterungsrausch versetzte. Im intimeren Rahmen des Kleinen Saales konnte man sie am Sonntag mit Agustín Luna an der Gitarre auch mit Eigenkompositionen hören, u. a. einer Vertonung von Gedichten von Strafgefangenen. Die argentinische Sängerin Catalina Sophie, die vom Jazz kommt, blieb mit dem deutsch-argentinischen Nochero-Quartett etwas blasser. Einen besonderen Akzent setzte die chinesisch-niederländische Sängerin Lenore Huang mit ihrer hauchigen, tiefen Stimme und dem neuen, unvergleichlich elegant musizierenden LUX Tango Sextett im Abschlusskonzert. Am Nachmittag hatte das französische Ensemble Sin Vuelta aus Lyon mit unglaublicher Energie den Saal zum Kochen und die Sohlen der Tänzerinnen und Tänzer zum Glühen gebracht.

Den Höhepunkt der Höhepunkte und eine Weltpremiere erlebte man mit dem Konzert des Orquesta típica Messiez am Samstagabend, mit der Stammbesetzung Romo/ Agri/ Messiez sowie hochkarätigen Gastmusikern: gleichermaßen entfesseltes wie diszipliniertes Spiel und Perlen wie der Tango „Vidrio“ (=Glas) von Messiez, der von Philip Glass inspiriert wurde – und als strahlender Stern Noelia Moncada.

Ein Tipp: Tschütscher hat mit der Tangonale, die erstmals vom 12. bis 14. Juni 2026 in Hohenems, dem Klanghaus Toggenburg und dem Hagenhaus Nendeln über die Bühne geht, eine neues Format entwickelt, das zeitgenössischen Tango mit außergewöhnlichen Veranstaltungsorten verbindet. Nichts wie hin!

Ulrike Längle