Wenn Malerei zur tiefen Berührung wird

Harald Gmeiner präsentiert seine neuesten Werke in der Galerie 9und20.
Bregenz Unter dem Titel “Good News” setzt Harald Gmeiner in der Bregenzer Galerie 9und20 ein kraftvolles Statement. Seine neuen Arbeiten verstehen sich als vitale Antithese zur aktuellen geopolitischen und gesellschaftlichen Dauerkrise. Gmeiner bricht bewusst mit der herrschenden Untergangsstimmung in unseren Breitengraden. Für ihn entbehrt dieser lähmende Pessimismus jeglicher Basis. Ein Blick auf andere Teile der Welt genügt, um zu sehen, wie privilegiert wir hier leben. Seine Kunst ist der Gegenentwurf dazu: ein Plädoyer für das Erkunden völlig neuer Seh- und Sichtweisen.
<strong>Wenn Algorithmen die Farbe verweigern</span>
Wie radikal dieser Forschergeist ist, zeigt das visionäre AI-Projekt “2Dgoes3D”. Als Ausgangspunkt diente Gmeiners etablierte Kunstedition “kopfn”. Der Künstler stellte sich das Experiment: Wie präzise übersetzt künstliche Intelligenz zweidimensionale Zeichnungen in dreidimensionale Formen? Und welche neuen Strukturen generiert die Maschine dabei? Das Ergebnis sind drei faszinierende, im 3D-Druck aus biologisch abbaubarem Biokunststoff (PLA) realisierte Varianten von “kopfn”. Doch das Experiment brachte eine unerwartete Bruchlinie zutage. Die KI verweigerte sich beharrlich der Farbgestaltung des von ihr geschaffenen Objekts. Für den Maler Gmeiner ein faszinierendes, konzeptuelles Fragezeichen, das es weiter zu hinterfragen gilt.

Trotz digitaler Ausflüge bleibt Gmeiner im Kern genuin ein Maler. Was ihn auszeichnet, ist sein untrügliches Gespür für Farben, Formen und visuelle Andockstellen. Ob Figur, Gegenstand, Kopf oder Baum – Abstraktes steht bei ihm nie isoliert im Raum. Gmeiners Leinwände sind keine statischen Abbilder, sondern lebendige Dialoge. Er diktiert nicht, er initiiert. Indem er das Vertraute dekonstruiert und neu arrangiert, zwingt er uns zum genauen Hinsehen. Jeder Rezipient bringt eigene Sehgewohnheiten mit und entdeckt andere Sehmöglichkeiten. Aus dieser Reibung entsteht eine feine Balance zwischen künstlerischer Führung und interpretatorischer Freiheit, die seine Arbeiten so dringlich und zeitgemäß macht.

Gmeiner sucht den Moment des zutiefst Berührtseins – ausgelöst durch Menschen, Begebenheiten oder das unmittelbare Umfeld. Wenn diese flüchtigen Augenblicke auf der Leinwand sichtbar werden, ist das für den Künstler ebenso unbegreiflich wie beglückend. Sein radikaler Zweifel fungiert nicht als Blockade, sondern als Motor. Er bricht die Kruste der Gewohnheit auf und verwandelt Irritation in pure, visuelle Energie. Wo die Logik versagt, setzt seine Malerei an. Aus dem schöpferischen Chaos von Widerspruch und Gefühl erwachsen Werke von enormer Dichte, die den Betrachter direkt im Kern des Seins treffen.

Wie facettenreich diese Energie geladen ist, zeigt die enorme Bandbreite der Schau. Auf der einen Seite stehen Arbeiten wie “great again”, die den derzeitigen geopolitischen Zustand sezieren. Demgegenüber stehen zahlreiche Werke mit der schlichten Bezeichnung “O.T.” (Ohne Titel). Diese verweigern jede sprachliche Vorgabe und überlassen das Publikum ganz der reinen, unzensierten Wahrnehmung. Ob politisch aufgeladen oder radikal offen – Harald Gmeiners Bilder sind visuelle Stolpersteine für den Geist. Sie lassen uns nicht in der Komfortzone des Gewohnten verharren. Sie werfen uns unweigerlich auf uns selbst zurück. Chapeau! THS
Good News, Harald Gmeiner, 9. Mai bis 26. Juni, 20. Juni 2026, 11:00 Uhr: Performance 6.66, Galerie 9und 20, Kirchstraße 29, 6900 Bregenz


