Kinderarmut: “Diese Zahlen sind eine Schande”

Politik / 11.06.2026 • 15:44 Uhr
In dem Mitschnitt stellte der Kanzler in Abrede, dass Kinder in Österreich keine warme Mahlzeit bekommen könnten.  APA/DPA
Kinderarmut nimmt zu – getrieben von Wohnkosten, Inflation und unsicheren Jobs. APA

Kinderarmut erreicht auch in Vorarlberg die Mitte der Gesellschaft, warnen Experten. Die Regierungsmaßnahmen reichten nicht.

Wien “Armut ist schambehaftet – nicht zuletzt, weil dem äußeren Erscheinungsbild immer mehr Bedeutung zukommt. Die Menschen trauen sich immer weniger, das Thema nach außen zu tragen”, sagt Kinder- und Jugendanwalt Michael Netzer. Damit bleibt Kinderarmut vor allem eines: unsichtbar – obwohl die Zahlen steigen.

Am Mittwoch verteidigte Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) im Parlament in Wien das Doppelbudget 2027/28. In einem der wenigen emotionalen Momente seiner Rede sprach er über Kinderarmut: “Diese Zahlen sind eine Schande in einer reichen Gesellschaft wie Österreich.” Im Budget seien ab 2027 jährlich 60 bis 65 Millionen Euro für Maßnahmen gegen Kinder- und Jugendarmut vorgesehen. Bei einem Hintergrundgespräch am Vorabend nannte Marterbauer zudem die Zahl von 48.000 Kindern, die damit erreicht werden sollen: “Das sind die Härtefälle.”

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Hochrisikogebiet Vorarlberg

Soziale Einrichtungen sehen einen noch größeren Handlungsbedarf. Eine Analyse des gewerkschaftsnahen Momentum Instituts zeigt, dass die Kinderarmut in Österreich weiter steigt: Mittlerweile ist fast jedes vierte Kind (23 Prozent) armutsgefährdet – ein Plus von fünf Prozentpunkten gegenüber 2025.

Vivien Fritsche
Vivien Fritsche ist Sprecherin der Armutskonferenz Vorarlberg. VN

Besonders angespannt ist die Lage laut Vivien Fritsche von der Armutskonferenz in Vorarlberg: “Es zählt mittlerweile zu den Bundesländern mit den höchsten Armutsrisiken. Besonders die hohen Wohnkosten verschärfen die Situation vieler Familien.” Rund 33.000 Haushalte wenden mehr als 40 Prozent ihres Einkommens fürs Wohnen auf – der zweithöchste Wert nach Wien. Laut Schätzungen sind 14.000 bis 16.000 Kinder von Armut betroffen oder armutsgefährdet. Kinderarmut sei kein Randphänomen, sondern betreffe zunehmend auch Familien in der Mitte der Gesellschaft, die durch hohe Wohn- und Lebenshaltungskosten sowie unsichere Beschäftigung unter Druck geraten.

Kinderarmut: "Diese Zahlen sind eine Schande"
Christian Netzer ist Vorarlbergs Kinder- und Jugendanwalt.VN

Forderung nach Kindergrundsicherung

Netzer verweist auf die langfristigen Auswirkungen: “Man denkt oft nur in materiellen Dimensionen. Aber Armut führt zu schlechteren Bildungschancen, gesundheitlichen Folgen und sozialem Ausschluss.” Fritsche ergänzt: Beengte Wohnverhältnisse, fehlende Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten oder Vereinsleben, Scham, eingeschränkte Entwicklungschancen, psychischer Druck und Zukunftsängste sind die Folgen für die Kinder.

Sozialeinrichtungen fordern daher seit Jahren eine Kindergrundsicherung. Diese würde direkt bei den Kindern ankommen. Fritsche betont: “Armut ist keine individuelle Schuldfrage – weder der Eltern noch der Kinder. Armut ist Ausdruck gesellschaftlicher und struktureller Rahmenbedingungen, die verändert werden müssen.”

Kinderarmut: "Diese Zahlen sind eine Schande"
Die Vorarlbergerin Barbara Neßler ist Familiensprecherin der Grünen und Nationalratsabgeordnete. APA/Steinmaurer

Ein Schritt in diese Richtung soll der neue Unterstützungsfonds des Bundes für Alleinerziehende sein. Künftig sollen bis zu 35 Millionen Euro jährlich für Familien bereitstehen, die für ihre Kinder weder Unterhalt noch Unterhaltsvorschuss erhalten. Der Fonds soll auch in Fällen häuslicher Gewalt helfen, wenn die Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen unzumutbar ist. Die grüne Familiensprecherin Barbara Neßler begrüßte den Fonds, kritisierte jedoch, dass im Budget kein Cent für eine Kindergrundsicherung vorgesehen sei.

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Einschnitte für Familien

Gleichzeitig enthält das Doppelbudget Maßnahmen, die Familien zusätzlich belasten könnten. Familienleistungen werden nach 2026 auch 2027 und 2028 nicht an die Inflation angepasst. Zudem fällt die Befreiung vom Arbeitslosenversicherungsbeitrag für Teilzeitbeschäftigte und Geringverdiener weg. Davon betroffen sind vor allem Frauen in Teilzeit mit Betreuungspflichten. Insgesamt werden vor allem Haushalte mit niedrigen und mittleren Einkommen die Einschnitte spüren, analysierte das Momentum Institut.

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