Der Briefträger, der Steine schweben ließ

Der Bildband „So gesehen“ würdigt das fotografische Spätwerk des Rankweiler Autodidakten Herbert Rauch.
rankweil Mit dem Bildband „So gesehen“, erschienen im Verlag Edition 108, wird das fotografische Spätwerk von Herbert Rauch erstmals in konzentrierter Auswahl öffentlich sichtbar. Es ist ein leises, schön gestaltetes Buch, 160 Seiten stark, mit 71 Abbildungen, gebunden in Leinen und mit Schutzumschlag versehen. Die Ausstattung passt zu einem Werk, das nichts Lautes braucht, um in seiner Stille nachzuwirken. Rauch, 1929 in Rankweil geboren und 2012 verstorben, war Briefträger, Autodidakt, Perfektionist und Zweifler. Künstler hätte er sich selbst wohl kaum genannt. Gerade darin liegt eine Stärke dieses Buches: Es zeigt einen, der sah, prüfte, verwarf, wartete und in der Dunkelkammer so lange an einem Bild arbeitete, bis es seinem Blick standhielt.

Die Briefträgerei war für Herbert Rauch Broterwerb. Seine Leidenschaft gehörte der Fotografie. Von Dorfhäusern, Prozessionen, Bränden, Viehmärkten und Gesichtern blieb eine Chronik Rankweils zurück, die heute von der Marktgemeinde verwaltet wird. „So gesehen“ richtet den Blick auf einen stilleren Teil seines Nachlasses: auf die Werkgruppen Steine und Federn, auf jenes späte Schaffen, in dem Rauch das Gegenständliche so lange befragte, bis es aus seiner alltäglichen Bedeutung heraustrat.
Die Schönheit genauer Arbeit
Ein Stein ist hier nie bloß ein Stein, eine Feder nie bloß eine Feder. In Rauchs Schwarz-Weiß-Fotografien, die alles andere als nur schwarz oder weiß sind, werden Grautöne zu einem eigenen Reich der Nuancen. An Treibholz, Borke, Stein oder Vogelfeder konnte er sich wochen-, monate-, ja jahrelang abarbeiten. Er veränderte das Licht, suchte den Winkel, prüfte Filme und Papiere, konstruierte Vorrichtungen, um Steine scheinbar schweben zu lassen, und entwickelte in der Dunkelkammer jene Tonwerte, die den Dingen eine fast körperlose Präsenz verleihen. Das Ergebnis sind Bilder von Ruhe und Spannung: Federn lösen sich in grafische Linien und feine Strukturen auf, Steine wirken schwer und leicht zugleich.

Dass Rauch sein Handwerk aus Büchern und durch beharrliches Ausprobieren lernte, ist diesen Fotografien als Qualität eingeschrieben. Man spürt die Genauigkeit eines Menschen, der sich keinem Stilbetrieb anpasste, aber wissen wollte, was „die Guten“ machten. Edward Weston und Ansel Adams mögen ihm imponiert haben, entscheidend bleibt ihre unaufdringliche Eigenständigkeit. Rauch arbeitet nicht mit Effekt, er arbeitet mit Geduld. Er sucht keine Sensation, er vertraut dem kleinen Objekt, dem Licht, dem Papier, der Zeit.
Berührend ist die Radikalität seiner Auswahl. Von hundert Aufnahmen blieben oft nur zwei oder drei. Serien wurden in selbst gefertigte, mit Leinen überzogene Boxen gelegt, einzelne Abzüge auf Barytpapier zu Unikaten. Diese Strenge macht den Rang des erhaltenen Werks aus. „So gesehen“ ist mehr als eine späte Würdigung eines Rankweiler Fotografen. Es ist ein Buch über das Schauen selbst, über die Würde der Geduld, über die Schönheit genauer Arbeit und über einen Menschen, der in der Dunkelkammer eine Welt fand, in der ein Stein schweben und eine Feder zu reiner Zeichnung werden konnte.