Schuberts Abgründe als Vermächtnis

Kultur / 25.06.2026 • 13:09 Uhr
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Das Hagen Quartett blieb sich bei seinem letzten Schubertiade-Auftritt treu: konzentriert, klar, kompromisslos und ganz im Dienst von Schubert.Schubertiade 2026

Nach mehr als vier Jahrzehnten bei der Schubertiade wurde das Hagen Quartett mit minutenlangen Standing Ovations verabschiedet.

Schwarzenberg Mit einem reinen Schubert-Programm hat sich das Hagen Quartett am 23. Juni im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg von der Schubertiade verabschiedet. Es war kein Abend der großen Gesten, kein sentimentaler Rückblick, vielmehr eine Begegnung mit zwei Werken, die seit Jahrzehnten zum innersten Kern dieses Ensembles gehören: dem d-Moll-Quartett „Der Tod und das Mädchen“ D 810 und dem späten G-Dur-Quartett D 887.

Damit schloss sich ein Kreis, der 1985 in Hohenems begonnen hatte. Damals debütierte das junge Salzburger Quartett bei der Schubertiade, die sich seit ihrer Gründung 1976 zu einem der wichtigsten Orte der Schubert-Pflege entwickelt hatte. Das Hagen Quartett wurde hier nie bloß als prominenter Name geführt. Über vier Jahrzehnte prägte es den kammermusikalischen Ton des Festivals mit einer Kunst, die auf Genauigkeit, Wachheit und klangliche Wahrhaftigkeit setzte. Es spielte mit Gidon Kremer, Mischa Maisky, Sabine Meyer, Tabea Zimmermann, Heinrich Schiff, Mitsuko Uchida, Jörg Widmann, Julia Hagen und vielen anderen. Doch selbst in solchen Begegnungen blieb das Entscheidende immer dieselbe Haltung: Kammermusik als Gespräch, als unangestrengte Verständigung von vier Stimmen, die einander zuhören, widersprechen, stützen und gemeinsam atmen.

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Die Standing Ovations am Ende galt nicht nur dem gelungenen Konzert, vielmehr der langen gemeinsamen Geschichte.Schubertiade 2026

Auch an diesem letzten Abend war nichts museal. Das d-Moll-Quartett begann gespannt, herb, unerbittlich. Der Kopfsatz erhielt seine dramatische Schärfe nicht durch Überwältigung, vielmehr durch innere Spannung und kontrollierte Glut. Lukas Hagen, Rainer Schmidt, Veronika Hagen und Clemens Hagen ließen die Musik aus der Struktur wachsen, klar konturiert, schmal im Ton, dabei höchst präsent. Im Andante mit seinen Variationen wurde der berühmte Liedgedanke nicht ausgesungen, als wolle man sich in Schuberts Schönheit bergen. Er erschien karg, fast fragend, von einer Ruhe getragen, die jederzeit brechen konnte. Das Scherzo hatte Biss, das Finale jagte mit federnder Präzision voran, ohne je zur bloßen Virtuosität zu werden.

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Nach der Pause öffnete sich im G-Dur-Quartett D 887 noch einmal jener späte Schubert, der Helligkeit und Abgrund in einem einzigen Atemzug zusammenführt. Das Hagen Quartett zeigte die schroffen Kontraste dieses Werks ohne jedes Pathos. Im Kopfsatz standen strahlende Akkorde und nervöse Schatten unmittelbar nebeneinander. Das Andante un poco mosso gewann eine fast schwebende Konzentration, in der jeder Einsatz, jede kleine Verschiebung der Farbe Bedeutung erhielt. Im Scherzo flackerte jene Energie auf, die bei Schubert nie harmlos ist, während das Finale mit großer Spannkraft vorwärtsdrängte und doch bis zuletzt durchsichtig blieb.

Im Dienst der Partitur

Gerade diese Durchsichtigkeit machte den Abend so bewegend. Das Hagen Quartett verabschiedete sich nicht mit Klangluxus, nicht mit versöhnlicher Wärme um jeden Preis. Es blieb seiner eigenen Kunst treu: asketisch, hellhörig, kompromisslos im Dienst der Partitur. Der Angelika-Kauffmann-Saal wurde dabei noch einmal zu jenem idealen Resonanzraum, in dem leise Übergänge, kleine Artikulationen und feinste dynamische Abstufungen hörbar wurden.

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Schubertiade 2026

Am Ende erhob sich das Publikum zu minutenlangen Standing Ovations. Dieser Applaus galt nicht nur einem gelungenen Konzert. Er galt einer langen gemeinsamen Geschichte, die mit dem Debüt im Rittersaal des Palasts Hohenems begonnen hatte und nun in Schwarzenberg ihren würdigen Abschluss fand. Das Hagen Quartett hat der Schubertiade über Jahrzehnte eine Form der Kammermusik eingeschrieben, die keine große Geste braucht, weil sie aus Vertrauen, Strenge und einem langen Atem lebt.