Wenn das Lied zur existenziellen Szene wird

Kultur / 26.06.2026 • 11:31 Uhr
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André Schuen zeigte mit Daniel Heide im Angelika-Kauffmann-Saal, wie zwingend ein Liederabend zwischen Schubert und Gegenwart wirken kann.Schubertiade

André Schuen und Daniel Heide machten Schuberts Lieder zu Szenen innerer Spannung und klanglicher Genauigkeit.

Schwarzenberg Mit diesem Liederabend setzte die Schubertiade Schwarzenberg am 24. Juni im Angelika-Kauffmann-Saal einen Akzent von seltener innerer Geschlossenheit, weil hier nicht bloß ein schönes Programm absolviert, vielmehr ein gedanklich weit gespannter Bogen gezogen wurde. André Schuen und sein Klavierpartner Daniel Heide stellten Franz Schubert als Komponisten existenzieller Grenzzustände vor, als Suchenden, Fragenden, Aufbegehrenden. Dass dazwischen Thomas Larchers Liederzyklus „Unerzählt“ nach Gedichten von Winfried G. Sebald stand, erwies sich als kluge Erweiterung eines Programms, das um Erinnerung, Auslöschung, Widerstand und innere Unruhe kreiste.

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Schon in „An Schwager Kronos“ nahm Schuen den Tonfall des Vorwärtsdrängens mit schlanker, kraftvoll fokussierter Stimme auf, ohne in bloße Deklamation zu verfallen. Sein Bariton besitzt jene seltene Mischung aus Wärme, Kern und sprachlicher Beweglichkeit, die jedes Wort plastisch werden lässt. Schuen singt nicht über den Text hinweg, er befragt ihn, formt ihn, gibt ihm Gewicht und lässt ihn doch nie schwer werden. In „Freiwilliges Versinken“ und der düsteren „Gruppe aus dem Tartarus“ zeigte er, wie genau er den Übergängen zwischen Erzählung, innerer Erregung und dramatischer Zuspitzung nachspürt. Daniel Heide war weit mehr als ein begleitender Pianist. Er schuf Räume, Spannungen, Widerstände, ließ Schuberts Klavierpart atmen und sprechen.

Dialog zwischen Stimme und Instrument

Das Zentrum des ersten Teils bildete Larchers „Unerzählt“. Diese Musik verlangt hohe Konzentration, denn sie erzählt nicht linear, sie sammelt Splitter von Erinnerung, Naturbeobachtung, Geschichte und Verfall. Die Gedichte Sebalds erscheinen darin wie Fundstücke aus einem beschädigten Gedächtnis, präzise, rätselhaft, von leiser Beklemmung durchzogen. Schuen und Heide nahmen diese spröde, suggestive Welt mit großer Ernsthaftigkeit an. Der Bariton vermied jede Überzeichnung, er suchte nicht nach äußerem Effekt, vielmehr nach der genauen Farbe des Sprechens, Singens und Verstummens. Heide öffnete am Klavier eine Klanglandschaft aus tastenden Figuren, jähen Aufhellungen und schattenhaften Verdichtungen. So entstand ein intensiver Dialog zwischen Stimme und Instrument, in dem jede Silbe, jede Pause und jeder Nachhall Bedeutung bekam. Dem künstlerischen Leiter der Schubertiade, Gerd Nachbauer, ist sehr zu danken, dass er ein zeitgenössisches Werk des österreichischen Komponisten auf das Programm setzte, zumal auch das Publikum diese Erweiterung des Repertoires mit großer Begeisterung aufnahm.

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Nach der Pause kehrte der Abend zu Schubert zurück, nun mit groß angelegten Balladen und mythologisch aufgeladenen Liedern. „Die Bürgschaft“ wurde bei Schuen nicht zur äußerlichen Szene, sondern zu einem dramatisch durchgeformten Erzählstück, in dem Charaktere, Spannung und moralische Bewährung klar hervortraten. Besonders eindrucksvoll gelang der Wechsel von erzählerischer Ruhe zu innerer Dringlichkeit. In der Strophe aus „Die Götter Griechenlands“, im „Lied eines Schiffers an die Dioskuren“ und in „Memnon“ zeigte sich erneut Schuens Kunst, Pathos zuzulassen, ohne pathetisch zu werden. Sein Gesang blieb nobel geführt, textnah, klangschön und zugleich von großer geistiger Präsenz.

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Den machtvollen Schlusspunkt setzte „Prometheus“. Hier fand Schuen zu einer souveränen Mischung aus Aufruhr, Stolz und kontrollierter Energie. Heide unterstrich die Wucht dieses Goethe-Liedes mit markanter, nie grober Gestaltung. Am Ende stand die Erfahrung eines Liederabends, der Schubert und Larcher als Verwandte im Blick auf menschliche Grenzerfahrungen erscheinen ließ.

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