Die Schönheit und ihre Störungen

Sommerausstellung: Johan Jansens „Walking in Paradise“ in der Villa Claudia in Feldkirch.
Feldkirch KunstVorarlberg widmet seine Sommerausstellung dem niederländischen Maler Johan Jansen. In der Villa Claudia in Feldkirch wird „Walking in Paradise“ ab dem 9. Juli zu einer Begegnung mit Malerei, Natur, Wahrnehmung und der Zerbrechlichkeit des Lebens.
Jansen, 1957 im niederländischen Roosendaal geboren und seit 2009 in Vorarlberg lebend, ist an ALS erkrankt, einer schweren, fortschreitenden Erkrankung des motorischen Nervensystems. Der Verkaufserlös soll lebenswichtigen Medikamenten sowie einem speziellen Sprachcomputer mit Augensteuerung zugutekommen. Zugleich ist es dem Künstler ein Anliegen, diese bislang unheilbare Krankheit öffentlich sichtbar zu machen.

Jansens Malerei wurzelt in der klassischen niederländischen Landschafts- und Blumenmalerei. Immer wieder hat er farbintensive Stillleben geschaffen, die an alte Meister erinnern. Doch sein Blick bleibt nicht bei der Schönheit stehen. Für ihn ist Malerei auch ein Mittel, Wirklichkeit zu überprüfen. In neueren Arbeiten beschäftigt er sich mit der Schnittstelle zwischen digitaler und analoger Wahrnehmung. Verpixelte Ansichten, digitale Verzerrungen oder Wolkenformationen aus der Lockdown-Zeit werden zu Bildern, die fragen, wie Technik unser Sehen verändert. Gegenständliche Motive überzieht er mit abstrakten Pinselspuren und legt so verschiedene Realitätsebenen übereinander.

Ausgebildet wurde Jansen an der Akademie der bildenden Künste in Breda, seit 1993 arbeitet er als freier Künstler. Nach Vorarlberg führte ihn eine persönliche Begegnung: Auf einer Pilgerreise entlang des Jakobswegs lernte er die Bludenzer Textilkünstlerin Angelika Tschofen kennen. 2009 übersiedelte er nach Bludenz.
Der Titel „Walking in Paradise“ verweist auf Jansens Leidenschaft für das Wandern. Die langsame Bewegung des Gehens schärfte seinen Blick für Landschaft, Licht und Natur. Fotografien aus Skandinavien und Irland wurden zu Vorlagen für Landschaftsbilder in Öl und Acryl, die in einem eigenen Raum gezeigt werden. Ein weiterer Raum ist den Rachel-Bildern gewidmet, einer Hommage an Rachel Ruysch, eine der bedeutendsten Stilllebenmalerinnen des niederländischen Barocks.
Blick auf Himmel und Wolken
Ein eigener Saal ist dem Zyklus „Looking at Clouds“ vorbehalten. Diese Arbeiten überraschen durch ihre Perspektive: Jansen malt aus der Sicht der Grasnarbe. Wie durch ein Fisheye-Objektiv neigen sich Gräser und Blumen von den Bildrändern zur Mitte, während sich im Zentrum der Blick auf Himmel und Wolken öffnet. Die Natur erscheint zugleich vertraut und entrückt.

Die ALS-Diagnose hat beim Künstler einen neuen Produktionsschub ausgelöst. Jansen malt weiter, intensiver denn je. Mit fortschreitender Beeinträchtigung seiner Bewegungen verändern sich auch die Bilder. Um die Pinsel besser halten zu können, befestigt er kleine aufgeschlitzte Bälle an den Stielen. Die neu entstehenden Blumenbilder werden abstrakter, ohne die Verbindung zur Natur ganz aufzugeben. Für Jansen ist das kein Bruch. Fotorealistische Präzision und Abstraktion haben für ihn denselben Rang. „Beides ist Farbe auf Leinwand!“, sagt er. Diese neuen „ALS-Bilder“ nehmen den hinteren großen Raum der Villa Claudia ein.

Ergänzt wird die Schau durch ältere „Landscapes“, die Jansens technische Meisterschaft zeigen. Landschaften und Blumenarrangements erinnern an altmeisterliche Traditionen, doch Verwischungen, Unschärfen, Übersprühungen oder breite Pinselspuren stören die scheinbare Ordnung. Genau darin liegt die Kraft seiner Malerei: Sie öffnet den Blick auf eine Welt, die schön sein kann, aber nie eindeutig ist.
„Walking in Paradise“ ist bis 9. August zu sehen, die Eröffnung findet am 9. Juli um 19 Uhr mit einer Einführung von Gabriele Bösch statt.