„Die Bregenzer Festspiele sind ein Festival des Volkes“

Fantastisches Geburtstagsständchen aus 6.800 Kehlen.
Bregenz Wie klingt es, wenn plötzlich die Menschen in den Zuschauerreihen der größten Seebühne der Welt berühmte Opernchöre anstimmen? Dazu aufstehen, die Welle machen oder rhythmisch winken, und das bei sommerlicher Nachmittagshitze, die nur von ein paar Wolken gemildert wurde? – Hinreißend, kann man nur sagen, stimmgewaltig und getragen von einer positiven Energie, die alle Mitwirkenden mitriss.
Zum 80. Geburtstag haben sich die Bregenzer Festspiele tatsächlich etwas Besonderes einfallen lassen: Unter dem Motto „Alemannia cantat“ feierten Chöre und singbegeisterte Amateure aus dem ganzen Bodenseeraum am Samstagnachmittag gemeinsam mit dem Bregenzer Festspielchor, dem Prager Philharmonischen Chor und dem Chor des Bayerischen Rundfunks das Jubiläum in einem Singalong mit rund 6.800 Mitwirkenden. Intendantin Lilli Paasikivi hatte am Vormittag in der Ö1-Sendung „Klassiktreffpunkt“ erzählt, dass die Idee ursprünglich von Bregenzer Leuten gekommen sei und dass es ihr wichtig sei, das Jubiläum gemeinsam zu feiern: „Die Bregenzer Festspiele sind ein Festival des Volkes“. Nachdem sie zu Beginn der Veranstaltung die Massen mit den Worten begrüßte hatte: „Heute sind Sie der Festspielchor. Sind Sie bereit?“, erntete sie tosenden Applaus.

Begleitet wurden die Chöre von einem Ensemble aus Mitgliedern des Symphonieorchesters Vorarlberg und Solistinnen und Solisten der Bregenzer Festspiele. Zusammengehalten, animiert und dirigiert wurde dieses Riesenensemble durch den australischen Dirigenten Steven Moore, der seine Aufgabe mit Bravour und Humor und mit nimmermüdem und schweißtreibendem Einsatz bewältigte. Moore hatte schon im Frühling ein Vorbereitungskonzert im Festspielhaus geleitet; die Sänger waren vorher mit Notenmaterial und Audiodateien versorgt worden. Nachdem er mit Lockerungsübungen und ein paar Einsingübungen die Stimmen vorbereitet hatte, startete das Programm mit dem neapolitanischen Volkslied „O sole mio“ als Tribut an das für die Festspiele so wichtige gute Wetter.
Unvergessliche Erinnerung
Voll Enthusiasmus und Freude am gemeinsamen Singen stimmte der Riesenchor dann auf Deutsch, Italienisch und Französisch Hits aus den Produktionen der vergangenen Jahre an: den Jägerchor aus Webers „Freischütz“ (2024/25) mit schönem Hornklang aus dem Orchester, „Nessun dorma“ aus „Turandot“ (2015/16) mit dem Tenor José Simerilla Romero als Kalaf, den Ambosschor aus Verdis „Troubadour“ (2005/06), den voller Inbrunst gesungenen Gefangenenchor „Va, pensiero“ aus „Nabucco“ (1993/94), das Torerolied aus „Carmen“ (2017/18) mit dem Bariton Vladimir Stoyanov als Escamillo und als Tribut an die heurige Produktion das berühmte „Brindisi“ aus „La Traviata“ mit Julia Muzychenko als Violetta und José Simerilla Romero als Alfredo, bei dem das Publikum schon bei der Eröffnung der Festspiele mitsingen durfte. Da für den Chor heikle Stellen jeweils vorher geprobt wurden, klang das Ergebnis durchaus respektabel – auch wenn natürlich nicht sängerische Perfektion, sondern das Gemeinschaftserlebnis, Enthusiasmus und Liebe zur Musik im Mittelpunkt standen. Der Dirigent dankte der Intendantin und dem ganzen Festspielteam für diese Veranstaltung und für die gelungene Zusammenarbeit. Beim abschließenden „Happy Birthday“ für achtzig Jahre Festspiele schwang auch Stolz über das in dieser langen Zeit Geschaffene mit. Mit „Va, pensiero“ als Zugabe klang ein einzigartiges und bewegendes Konzert aus, das wohl allen Mitwirkenden unvergesslich bleiben wird.
Ulrike Längle