Der Meister des richtigen Augenblicks

Sepp Dreissinger hat die Gesichter der österreichischen Kulturgeschichte festgehalten.
Wien Thomas Bernhard, H. C. Artmann, Friedrich Gulda, Maria Lassnig oder Elfriede Jelinek standen vor seiner Kamera – als Menschen in Momenten, in denen die Fassade durchlässig wurde. Kürzlich feierte der in Feldkirch geborene Fotograf seinen 80. Geburtstag. Dass Dreissinger einmal zu den bedeutendsten Porträtisten des deutschsprachigen Raums zählen würde, war fast schon vorgezeichnet. Zunächst studierte er am Salzburger Mozarteum Gitarre und arbeitete als Musiklehrer. Zur Fotografie kam er erst mit 27 Jahren, als er in Wien für 1000 Schilling eine gebrauchte Fujica kaufte. In Salzburg organisierte er im Café Mozart Lesungen und Konzerte. Für die Plakate fotografierte er die Künstler selbst: der Beginn eines außergewöhnlichen Lebenswerks.

Dreissinger suchte nie die perfekte Pose. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen leben von Geduld, Vertrauen und unaufdringlicher Nähe. Er fotografierte die Menschen dort, wo sie gerade waren, und verzichtete auf Inszenierungen. Seine Bilder entblößen nicht, sondern lassen etwas sichtbar werden. Er wartet, bis Haltung, Zweifel, Müdigkeit, Witz oder Eigensinn in einem Gesicht zusammenfinden.
Ned bös sein
Eng war seine Verbindung zu Thomas Bernhard, den Dreissinger über Jahre begleitete. Auch H. C. Artmann, Maria Lassnig und Friedrich Gulda begegnete er immer wieder. So entstand ein visuelles Gedächtnis der österreichischen Kulturlandschaft. 1981 gehörte Dreissinger zu den Gründungsmitgliedern der Galerie Fotohof in Salzburg, zwei Jahre später zog er nach Wien. Seit der Jahrtausendwende widmete er sich verstärkt auch dem Film.

Zu seinem 80. Geburtstag ist nun der Band „Ned bös sein“ erschienen. Darin öffnet Dreissinger sein Archiv und holt vermeintlich vergessene Tonbänder aus den 1990er- und frühen 2000er-Jahren hervor. Die bei Foto- und Videoterminen entstandenen Gespräche geben Einblicke in die Wiener Kulturszene und in jene Mischung aus Schmäh, Melancholie, Widerspruchsgeist und künstlerischer Neugier, die ihn seit Jahrzehnten beschäftigt. Historische Aufnahmen werden mit neuen Interviews verbunden; zu Wort kommen unter anderem André Heller, Ilse Aichinger, Friederike Mayröcker, Gerhard Bronner, Dirk Stermann, Nicolas Mahler, Roland Neuwirth, Gert Voss, Agnes Palmisano und Joesi Prokopetz.
Sepp Dreissinger: „Es ist ein Lesebuch mit Aussagen von Künstlern, mit denen ich zum Teil schon jahrelang befreundet bin, gemischt mit solchen, die ich neu kennenlernen wollte, weil deren Kunst mich persönlich immer schon sehr interessierte. Es kommt so viel zusammen in einem Leben. So nebenbei habe ich bei meinen Foto- und Filmterminen oft auch Gespräche mit den Künstlern geführt und dann hat man auf einmal ein Riesenarchiv vor sich, wobei manches davon unveröffentlicht liegen blieb, bis ich sie – jetzt zu meinem 80en Geburtstag – transkribieren ließ und im Buch neben neuen aktuellen Interviews jetzt unter dem Titel “Ned bös sein” veröffentlicht habe. Aus den ‘vermeintlich vergessenen’ Bändern meines Archivs sind 27 Gespräche daraus entstanden, die ich mit Persönlichkeiten aus dem Wiener kulturellen Umfeld wie Andre Heller, Al Cook, Ilse Aichinger, Friederike Mayröcker, Gerhard Bronner, Dirk Stermann, Nicolas Mahler, Roland Neuwirth, Gert Voss, Agnes Palmisano und Josei Prokopetz geführt hab2“.“
Auch mit 80 Jahren bleibt Sepp Dreissinger ein neugieriger Beobachter, der Menschen nicht auf ihr öffentliches Bild reduziert. Seine Fotografien und Gespräche bewahren Augenblicke – und gerade deshalb bleiben sie.