Der Kartoffel wird es zu heiß

Politik / 10.08.2026 • 15:42 Uhr
Lisilis Biohof
Auf Lisilis Biohof in Meiningen arbeitet die Familie Kühne seit Jahrzehnten biologisch und nachhaltig, Betriebsführerin ist Brigitte Kühne (Mitte). Doch die Folgen des Klimawandels machen auch vor ihren Ackerböden nicht halt, erzählt Michael Kühne (Mitte) . Lisilis Biohof

Die Hitze verursacht bereits eine Milliarde Euro Schaden. Auch in Vorarlberg stehen viele Sorten unter Stress.

Meiningen “Süßkartoffeln mögen es warm”, sagt Michael Kühne. Gemeinsam mit seiner Familie betreibt er den Lisilis Biohof in Meiningen. Rund 40 Pflanzensorten bauen sie an – von Kohlrabi und Bohnen bis zu Paprika und Rhabarber. Nicht alle sind so genügsam wie die ursprünglich aus Lateinamerika stammende Süßkartoffel. “Natürlich haben wir heuer einen enormen Arbeitsaufwand durch die Bewässerung”, bestätigt der Bio-Landwirt. Das ist nicht die einzige Herausforderung.

Es ist ein schwieriges Jahr für Landwirte. Eine “historische Dürrekatastrophe” nennt Kurt Weinberger, Chef der Hagelversicherung, die Situation. Der Gesamtschaden liege bereits bei einer Milliarde Euro. Betroffen sind ganz Österreich und sämtliche Kulturen, besonders Wiesen und Kartoffeln. Ohne Regen werde der Schaden noch größer. Den Grund benennt Weinberger klar: “Der menschengemachte Klimawandel.” Politisch wird um ein Hilfspaket für die Landwirte gerungen: Das Finanzministerium verweist auf mögliche finanzielle Umschichtungen innerhalb des Landwirtschaftsressorts.

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Ernte früher

Auf Kühnes Biohof halten sich die Folgen bislang in Grenzen. “Da wir das Gemüse auf den Feldern angebaut haben die wir bewässern können. Das Gras ist aber vertrocknet, das hält die Hitze nicht aus.” Die Heuernte wird nicht gut sein, für den Viehbestand aber ausreichen. Heuer durften Biodiversitätsflächen ein zweites Mal gemäht werden. “Dadurch haben wir einen Puffer.” Gleichzeitig ist die Ernte deutlich früher: Das Kraut ist bereits fertig und eingehobelt, normalerweise eine Arbeit für den Herbst. “Jetzt braucht noch keiner Hobelkraut.” Auch die Lagerung wird schwieriger, wenn in der Hitze geerntet wird.

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Hitzetoleranz ist kein Allheilmittel

Das Extremjahr soll laut Klimaforschern keine Ausnahme bleiben. Auch der Westen ist zunehmend betroffen, wie das Complexity Science Hub analysiert. Die Gemeinden in den Bezirken Dornbirn und Feldkirch etwa verzeichneten im Durchschnitt bereits 34 Hitzetage, gefolgt von Innsbruck und Bludenz mit 30.

Wie kann die Landwirtschaft reagieren? Ein Puzzleteil ist die Pflanzenzüchtung. Die AGES testet neue Sorten unter unterschiedlichen Klima- und Bodenbedingungen. Im Fokus stehen Hitze- und Trockenstresstoleranz, sagt Projektleiter Philipp von Gehren. “Dennoch benötigt selbst die am besten angepasste Sorte immer noch Wasser zum Wachsen.” In extremen Dürreperioden stoßen sogar neue Sorten an ihre Grenzen, Anpassungen würden notwendig. Dazu zählen wassersparende Bodenbearbeitung, Humusaufbau oder Windschutzstreifen.

Philipp von Gehren Ages
Philipp von Gehren forscht am Institut für Saat- und Pflanzgut, Pflanzenschutzdienst und Bienen der Ages. AGES/Jeitler-Haindl

Kartoffel unter den Verlierern

Raps, Kartoffeln und Käferbohnen sieht von Gehren als Verlierer des Klimawandels: “Ich kann mir vorstellen, dass manche aktuell beliebte Kartoffelsorten in Zukunft nicht mehr so die Erträge liefern, die die Landwirtinnen und Landwirte für das wirtschaftliche Arbeiten benötigen.” Dann werde sich zeigen, ob für traditionelle Sorten mehr bezahlt wird oder diese vom Markt verschwinden.

“Die Kartoffel leidet”, bestätigt Kühne. “Wenn sie zu wenig Wasser hat, glaubt sie, das Wachstum ist abgeschlossen. Wenn sie wieder Wasser bekommt, kriegt sie Beulen.” Ein optischer Nachteil, qualitätsmäßig sei das kaum ein Problem. Prinzipiell seien trockene Jahre die besseren, da etwa Pilzkrankheiten wegfallen, sagt Kühne: “Aber so wie es heuer ist, ist es nicht normal.” Mildere Winter und heißere Sommer bringen zudem neue Schädlinge. Dazu zählt der Japankäfer, der erstmals 2025 in Vorarlberg nachgewiesen wurde.

Nicht nur Hitze, auch Starkniederschläge steigen – dann seien laut von Gehren andere Eigenschaften für eine klimafitte Sorte gefragt. Wetterextreme bereiten auch Kühne Sorgen: “Bei der Wetterlage ist es gar nicht so selbstverständlich, dass schöner Regen kommt. Die Angst vor dem Hagel sitzt immer im Nacken.”

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