Der Teufel holt sich die Geige

Kultur / 19.08.2026 • 13:15 Uhr
geschichtesoldaten-anjakoehler_260090.jpg
Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten” und Auszüge aus der “Dreigroschenoper” standen auf dem Programm.BF / Anja Koehler

Moritz von Treuenfels und sieben Musiker machen aus Strawinskys „Geschichte vom Soldaten” einen grandiosene Abend.

Bregenz Dieser Teufel ist dem Bregenzer Publikum vertraut. Zwei Sommer lang hat Moritz von Treuenfels ihn auf der Seebühne gegeben, als Samiel im „Freischütz”. Nun kehrte er in deutlich kleinerer Besetzung zurück, und wieder ging es um einen Pakt: Igor Strawinskys „Die Geschichte vom Soldaten” von 1918. Davor aber standen Bertold Brecht und Kurt Weill. Eine Auswahl aus der „Dreigroschenoper” von 1928 eröffnete den Abend, die ersten Nummern rein instrumental, gespielt vom Ensemble des Hauptwerks, dann trat Treuenfels als Sänger hinzu. Dass ein Schauspieler diese Songs übernimmt, entspricht ihrer Herkunft, Weill hat sie für Darsteller geschrieben und nicht für Opernstimmen. Treuenfels nutzte den Raum zwischen Sprechen und Singen, ohne ins Chargieren zu geraten, der Tonfall blieb kühl und lakonisch, die Pointen kamen auf den Punkt. Auch stimmlich hielt er das über die ganze Auswahl durch, ohne je zu forcieren. Ein klug gesetzter Auftakt, auch weil die zehn Jahre zwischen 1918 und 1928 hörbar wurden: hier die Verknappung des Kriegsjahres, dort der Klang der späten Weimarer Republik.

geschichtesoldaten-anjakoehler_260031.jpg
Moritz von Treuenfels begeisterte das Publikum im Seestudio.BF / Anja Koehler

Strawinsky schrieb „Die Geschichte vom Soldaten” im Schweizer Exil unter den Bedingungen des Mangels. Gemeinsam mit Charles-Ferdinand Ramuz entstand ein Stück für wenige Darsteller und sieben Instrumente, gedacht für die Wanderbühne. Ramuz griff auf Märchen aus der Sammlung Alexander Afanassjews zurück, gespielt wurde die deutsche Fassung von Hans Reinhart. Die Besetzung folgt einem strengen Prinzip: aus jeder Familie ein hohes und ein tiefes Register, dazu Schlagwerk. Violine und Kontrabass, Klarinette und Fagott, Kornett und Posaune. Mehr stand 1918 nicht zur Verfügung, und mehr braucht das Stück bis heute nicht.

Leidenschaft und mit Pathos

Sophie Heinrich leitete das Ensemble von der Violine aus und gab dem Abend seinen Puls. Ihr Ton blieb schlank, im Rhythmischen unnachgiebig, in den Passagen des Soldaten von einer Beiläufigkeit, die den späteren Verlust des Instruments umso schwerer wiegen ließ. Francesco Negrini an der Klarinette und Johanna Bilgeri am Fagott führten ihre Linien mit trockener Präzision, Matilda Lloyd am Kornett setzte die Marschsignale hell und ohne Glanzsucht, Louise Pollock an der Posaune sorgte für den Zug ins Rohe. Simon Hartmann am Kontrabass hielt die Metren zusammen, die Strawinsky beständig gegeneinander verschiebt. Maximilian Näschers Schlagwerk hatte das letzte Wort: Im Triumphmarsch des Teufels fallen nach und nach alle Stimmen weg, bis nur noch die Trommeln übrig bleiben. Der Schluss geriet so unsentimental, wie er gemeint ist.

geschichtesoldaten-anjakoehler_260080.jpg
BF / Anja Koehler

Treuenfels erzählte die Geschichte des Soldaten Joseph, der seine Geige gegen ein Buch tauscht, das die Zukunft kennt, und darüber alles verliert, was ihm gehört hat. Er tat es mit großer Leidenschaft und mit Pathos dort, wo der Text es verlangt, und traf dabei jede Wendung: intensiv, charismatisch, von klarer Artikulation und mit sicherem Gefühl für das Tempo der Musik. Wo der Text kippt, vom Bericht in die Rede, vom Erzähler in die Figur, war der Wechsel sofort da, allein über Tempo und Färbung der Stimme geführt. Die Verständigung mit dem Ensemble funktionierte bis in die Einsätze hinein, ohne dass ein Dirigent nötig gewesen wäre.

Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.

Dass an diesem Abend alles zusammenpasste, lag an dieser Genauigkeit im Zusammenspiel. Kein Beiwerk, keine Regieeinfälle, kein Versuch, das Stück aktueller zu machen, als es ohnehin ist. Die Geschichte eines Mannes, der von der Front nach Hause geht und dort nicht mehr ankommt, braucht keine Erklärung. Sie wurde erzählt und gespielt, sonst nichts, aber das wahrhaft grandios. Das Publikum dankte am Ende lange mit Bravos und Standing Ovations.