Zeit, die nicht vergeht

Kultur / 26.08.2026 • 12:23 Uhr
Zeit, die nicht vergeht
Marc-André Hamelin überzeugte das Schwarzenberger Publikum einmal mehr mit seiner hohen Kunst. schubertiade

Marc-André Hamelin überzeugt mit Beethoven, Schumann und Schubert in Schwarzenberg.

Schwarzenberg Wer Marc-André Hamelin nur als Anwalt des Unspielbaren kennt, als Sachwalter von Alkan, Godowsky und Medtner, konnte im Angelika-Kauffmann-Saal eine andere Erfahrung machen. Der Kanadier hatte ein Programm mitgebracht, das keine Ausflüchte erlaubt: Beethoven, Schumann, Schubert. Musik, in der eine überlegene Technik nichts mehr zu beweisen hat, weil sie nicht das Thema ist. Ein Rezital ohne Netz, gerade weil der Programmzettel so unspektakulär aussieht.

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Beethovens D-Dur-Sonate op. 10/3 setzte mit einer Sachlichkeit ein, die zunächst befremdete. Hamelin blies das absteigende Viertonmotiv des Presto nicht zum rhetorischen Ereignis auf, er ließ es laufen, hell, trocken, ohne Pedalnebel, die Akzente knapp gesetzt. Erst im Largo e mesto wurde deutlich, worauf diese Zurückhaltung zielt. Der Satz, eines der dunkelsten Stücke des frühen Beethoven, geriet ihm nicht zur Klage. Hamelin nahm ihn fast ohne Rubato, in strengem Schritt, und gerade dadurch bekamen die Generalpausen jene Härte, die jede ausgespielte Trauer ihnen nimmt. Das Menuetto klang danach beinahe verlegen freundlich, das Rondo hielt seine Fragen bis zum letzten Takt offen, statt sie mit einer Schlusspointe zu erledigen.

Das Ende vom Lied

In Schumanns Fantasiestücken op. 12 zeigte sich dann die Grenze dieser Haltung. „Des Abends” gelang vorzüglich: Hamelin glättete die berühmte rhythmische Ambivalenz nicht, sondern ließ Zwei gegen Drei als echte Verunsicherung stehen, das Stück schwebte. „Warum?” blieb eine Frage ohne Antwort, „Fabel” bekam den nötigen Sprung ins Absurde. Doch „Aufschwung” und „In der Nacht” verlangen mehr als Kontrolle. Was bei Schumann Zerrissenheit heißt, blieb hier organisiert; Florestan war anwesend, aber gleichsam in Anführungszeichen. Man bewunderte die Übersicht und vermisste die Gefährdung. Der Saal, der jede Unsauberkeit ungeschützt weitergibt, hätte auch das ausgehalten. Dass das „Ende vom Lied” ins Fahle kippte, war dann doch ein Moment, in dem der Boden schwankte.

Zeit, die nicht vergeht
Schubertiade

Nach der Pause dann Schuberts G-Dur-Sonate D 894 – und hier zahlte sich alles aus, was zuvor als Kühle erschienen war. Der Kopfsatz, Molto moderato e cantabile, ist eine Zumutung an jeden Pianisten, weil er zwanzig Minuten lang nichts verlangt als Geduld. Hamelin hielt das Tempo, ohne einen einzigen Takt zu drängen, und ließ die Wiederholungen ihre Arbeit tun. Kein Ton wurde ausgestellt, keine Melodie nach vorn gedrängt, und die Bässe trugen den Satz, ohne ihn je zu beschweren. Was entstand, war keine Deutung, sondern ein Zustand: Zeit, die nicht vergeht. Im Andante blieben die Ausbrüche unerwartet, weil ihnen keine Vorbereitung vorausging. Das Menuett kam schroffer, als man es gewohnt ist, das Trio dagegen fast beiläufig. Im Allegretto schließlich, diesem Rondo mit dem harmlosen Ton, war zu hören, wie wenig harmlos es gemeint ist: Jede Wiederkehr des Themas klang eine Spur fremder als die vorige.

Hamelin ist kein Pianist, der sich zwischen Werk und Publikum stellt. Wer den grellen Zugriff sucht, wird das als Mangel empfinden. Wer bereit ist, hinzuhören, hat in Schwarzenberg einen Schubert erlebt, der lange nachhängt.