Frage um Arbeitszeit spaltet die Lager

Die Wirtschaft warnt vor weniger Leistung, der ÖGB pocht auf Entlastung.
Schwarzach Wie viel Arbeit braucht Österreich? An dieser Frage entzündet sich ein Streit zwischen Wirtschaftskammer und Gewerkschaft im Land. Auslöser ist die Forderung des Interregionalen Gewerkschaftsrats Bodensee nach einer generellen Verkürzung der Arbeitszeit. Die Wirtschaftskammer Vorarlberg hält davon wenig. “Bei Arbeitskräftemangel und schwacher Produktivitätsentwicklung ist weniger Arbeit der falsche Weg”, sagt WKV-Direktor Julian Fässler.
Fässler verweist auf eine Zahl: 2025 habe die durchschnittlich tatsächlich geleistete Arbeitszeit in Österreich bei rund 29,4 Stunden pro Woche gelegen. Eine weitere generelle Verkürzung sei deshalb aus seiner Sicht wirtschaftspolitisch widersinnig. “Wer weniger arbeiten will, muss auch sagen, wer am Ende die Rechnung bezahlt”, betont er. Wohlstand entstehe nicht durch weniger Arbeitszeit, sondern durch Wertschöpfung und Produktivität. Steigen die Kosten pro Arbeitsstunde stärker als die Produktivität, werde die Produktion teurer und Österreich verliere im internationalen Wettbewerb an Boden.
Unterstützung kommt von IV-Präsident Elmar Hartmann. Er nennt die Debatte um Arbeitszeitverkürzung “deplatziert und realitätsfremd”. Österreich befindet sich im dritten Rezessionsjahr, verliert laufend an Wettbewerbsfähigkeit und kämpft mit steigenden Arbeitskosten. Im internationalen IMD-Wettbewerbsranking ist Österreich innerhalb weniger Jahre von Platz 16 auf Platz 29 zurückgefallen. Die IV warnt zudem vor Folgen für Bereiche mit akutem Personalmangel: Weniger Arbeitszeit bedeute dort mehr Personalbedarf und höhere Kosten für die öffentliche Hand.
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“Teilzeit nicht verwechseln”
ÖGB-Landesvorsitzender Reinhard Stemmer widerspricht vehement und wirft Fässler vor, Teilzeit und Arbeitszeitverkürzung zu vermischen. Die 29,4 Stunden beziehen sich auf alle Erwerbstätigen – Vollzeit und Teilzeit. Aussagekräftiger sei daher der Blick auf die Vollzeitbeschäftigten.
Denn diese arbeiten in Österreich laut EU-Kommission durchschnittlich 40,7 Stunden pro Woche. Hinzu kommen Millionen Überstunden. 2025 blieben laut ÖGB fast 46 Millionen Mehr- und Überstunden unbezahlt. “Die Frage ist nicht, warum Menschen zu wenig arbeiten”, sagt Stemmer. Vielmehr gehe es darum, warum Menschen trotz hoher Arbeitsleistung so wenig Zeit für Erholung, Familie und Gesundheit hätten.
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Mehrheit der Frauen in Teilzeit
Besonders brisant ist das Thema Teilzeit in Vorarlberg. Rund 55 Prozent der Frauen arbeiten hier Teilzeit. Als Gründe nennt der ÖGB vor allem Kinderbetreuung, Pflege und andere unbezahlte Care-Arbeit. Wer mehr Arbeitsvolumen wolle, müsse deshalb dafür sorgen, dass Menschen ihre gewünschte Arbeitszeit auch tatsächlich leisten können.
Die Folgen zeigen sich auch bei der Einkommensverteilung: Vorarlberg hat mit 21,7 Prozent den höchsten Gender-Pay-Gap Österreichs. Beim Gender-Pension-Gap liegt das Land mit 46,7 Prozent ebenfalls an der Spitze, wie die VN berichteten. Teilzeit und längere Erwerbsunterbrechungen wegen Care-Arbeit tragen wesentlich dazu bei.
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Wer vom Produktivitätsgewinn profitiert
Auch beim Thema Produktivität stehen sich die beiden Lager gegenüber. Fässler sieht steigende Produktivität als Voraussetzung für eine Arbeitszeitverkürzung. “Man kann nicht dauerhaft weniger Arbeitsstunden leisten, gleichzeitig höhere Löhne und mehr Sozialleistungen verlangen und dabei so tun, als würde die Wertschöpfung automatisch gleich bleiben.”
Stemmer argumentiert genau umgekehrt: Gerade der Produktivitätsfortschritt habe es ermöglicht, die Arbeitszeit von der früheren 45-Stunden-Woche auf 40 Stunden zu senken. Produktivitätsgewinne müssten daher auch bei den Beschäftigten ankommen – etwa in Form von mehr Freizeit.