Die Klarinette findet zu sich selbst

Mit Herbert Willis „ego eimi“ und der großartigen Sharon Kam eröffnete das Symphonieorchester Vorarlberg die neue Saison.
Bregenz Es beginnt mit einem einzelnen Ton, der sich aus der Stille löst. Kein Orchestervorspiel, keine Einleitung, nur die Klarinette, die sich in einer weitgespannten Kadenz ihren eigenen Raum ertastet. Wer am Sonntag im Festspielhaus das erste Abonnementkonzert des Symphonieorchesters Vorarlberg besuchte, erlebte, wie selbstverständlich und zugleich kühn Herbert Willi diesen Anfang gesetzt hat. „Jeder hat in sich einen Klang“, sagt der Vorarlberger Komponist. Sein Klarinettenkonzert „ego eimi“, griechisch für „Ich bin“, ist die Suche nach genau diesem, oft verschütteten Klang. Dahinter steht Martin Bubers Gedanke „Ich bin dort, wo du bist“ und eine Grundidee, die Willis gesamtes Schaffen durchzieht: die Suche nach der Stille im Einssein mit der Natur. Dass diese Suche so eindringlich gelang, war auch Sharon Kam zu verdanken. Die deutsch-israelische Klarinettistin, die sich Willi schon für die Uraufführung 2006 in der Salzburger Felsenreitschule gewünscht hatte, kennt dieses Werk wie kaum jemand sonst. Das hörte man in jedem Takt. Ihre Eröffnungskadenz war ein In-sich-Hineinhorchen, selbstbewusst und kraftvoll. Getragen wurde es von einem Ton, der mühelos zwischen samtiger Tiefe und leuchtender Höhe wechselte. Willi selbst spricht vom „Ausdruck eines klaren Geistes als fließendes Bei-sich-Sein“, und Kam machte daraus hörbare Wirklichkeit.

Nach einer Zäsur tritt das Orchester hinzu, und Leo McFall führte die neuen Farben mit großer Behutsamkeit ein. Willi mischt den Streichern die aparten Klänge von Vibraphon, Marimbaphon und Akkordeon bei. So entsteht ein Klangbild, das die Klarinette umhüllt, ohne sie je zu bedrängen. Den für den Kopfsatz so charakteristischen Wechsel aus kraftvollem Fließen und Verweilen, vom Komponisten als „sakrale Handlung“ gedacht, gestalteten Solistin und Orchester mit spürbarer Konzentration.
Perpetuum mobile
Ganz anders der zweite Satz: Die mit „wie Jazz“ überschriebenen Eckteile federten rhythmisch pointiert, der Mittelteil „wie ein Walzer“ wiegte sich mit feinem Augenzwinkern. Hier zeigte sich Willis Musik von ihrer lebensfrohen Seite, als Ausdruck der menschlichen „Urnatur“, als Tanz des Lebens in all seiner Fülle. Kam spielte diese Passagen mit einer Lust am Risiko, die ansteckend wirkte. Im Finale schließt sich der Kreis. Nach der Rückkehr zum Verweilen des Beginns überträgt sich die Energie der Solistin zunehmend auf das Orchester, bis sie sich in einem pulsierenden Schlussabschnitt verdichtet. Und dann, ohne Übergang, erklingt wieder der Beginn der Anfangskadenz: Das Konzert endet als potenzielles Perpetuum mobile, als Bild eines ewigen Kreislaufs. Das war ein Moment von seltener Eindringlichkeit, für den das Publikum mit langem, herzlichem Applaus dankte. Dass „ego eimi“ erst zum zweiten Mal in Vorarlberg zu hören war, ist erstaunlich. Vor zehn Jahren hatte Francesco Negrini das Werk mit dem Sinfonieorchester des Vorarlberger Landeskonservatoriums aufgeführt. Das Stück bildet mit dem Trompetenkonzert „Eirene“, dem Doppelkonzert „…geraume Zeit…“ und dem Hornkonzert „Äon“ den „Montafon“-Zyklus und gehört zum Stärksten, was Willi geschrieben hat. Diese Aufführung sollte Anlass sein, den Zyklus hierzulande öfter zu pflegen.
Aufgrund Ihrer Datenschutzeinstellungen wird an dieser Stelle kein Inhalt von Youtube angezeigt.
Eröffnet hatte den Abend Mozarts Ballettmusik aus „Idomeneo“, von McFall mit Eleganz und schlankem Klang als festliches Entree serviert. Nach der Pause folgte Franz Schuberts Symphonie C-Dur D 944, die „Große“, ein Werk, das jedes Orchester fordert. Das SOV stellte sich dieser Herausforderung überzeugend: mit weit ausschwingendem Hornbeginn, einem beweglichen Scherzo und einem Finale, das seine „himmlischen Längen“ mit Schwung und langem Atem durchmaß. Ein Saisonauftakt, der Lust auf mehr macht.