Der Fluch wohnt im Ehezimmer

Kultur / 09.10.2026 • 15:01 Uhr
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Sabine Lorenz und Bernd Sračnik beschreiten eindrücklich den gemeisamen Weg in den Abgrund.Severin Nowacki

John von Düffel konzentriert „Macbeth“ auf zwei Menschen, die sich in Machtwunsch und Gewalt verlieren.

Bregenz Hinter den Kulissen meidet man den Namen „Macbeth“ bis heute gern und spricht lieber vom „schottischen Stück“. 1849 eskalierte in New York vor einem Theater ein Aufruhr, während drinnen „Macbeth“ gespielt wurde. Mindestens 22 Menschen starben. 1947 wurde in Oldham ein Schauspieler bei einem Bühnenduell so schwer verletzt, dass er drei Wochen später starb. 1964 brannte Lissabons Nationaltheater nieder, während das Stück auf dem Spielplan stand. Weitere Unglücke ließen sich aufzählen. Doch der Fluch, der auf Shakespeares Tragödie lasten soll, ist vor allem eine Theaterlegende. Im Theater Kosmos zeigt sich, dass das Stück auch ohne Spuk seine unheimliche Wirkung entfaltet: als Geschichte eines Paares, dessen Machtwunsch die Ehe zerstört.

John von Düffel hat die Handlung klug auf dieses Ehedrama verdichtet. Aus dem Geflecht von Schlachten, Prophezeiungen und Machtwechseln wird eine Beziehungsgeschichte, in der sich zwei Menschen gegenseitig antreiben und zugleich immer weiter voneinander entfernen. Die Frage, wer hier wen verführt, wer wem folgt und wer die Richtung vorgibt, bleibt dabei in Bewegung. Gerade diese Verdichtung macht den Kreislauf aus Wahn und Gewalt nachvollziehbar. Die Taten erscheinen nicht als Abfolge schicksalhafter Schreckensbilder, sondern als Entscheidungen, die aus einem gemeinsamen Wunsch hervorgehen und sich schließlich verselbstständigen.

Der Fluch wohnt im Ehezimmer
Herrschaft wird öffentlich sichtbar, bleibt aber eine Frage persönlicher Verantwortung.Theater Kosmos

Die Zwei-Personen-Idee ist schlüssig. Sie nimmt dem Drama nichts Wesentliches, sie rückt seine innere Spannung nahe an das Publikum. Was draußen geschieht, schlägt sich im Verhältnis des Paares nieder; die politische Tat wird zur privaten Zumutung. Sie legt frei, wie eng Macht und Intimität in dieser Tragödie miteinander verbunden sind.

Zunehmende Ausweglosigkeit

Sabine Lorenz und Bernd Sračnik geben dem Abend dafür ein tragfähiges Zentrum. Ihre Arbeit am Text ist kraftvoll und aufmerksam: Die Verse behalten Gewicht, die Dialoge bekommen jene Schärfe, die aus Nähe in Bedrohung umschlagen kann. Lorenz und Sračnik halten die Spannung durch die Konzentration auf das Gegenüber. So bleibt spürbar, dass die beiden nicht von Anfang an in getrennten Welten leben. Gerade die gemeinsame Bewegung in den Abgrund macht den Abend eindringlich.

Markus Keller inszeniert verhalten. Das ist eine bewusste Entscheidung, die den Text und die Darsteller in den Vordergrund stellt. Wo das Stück von Mord, Furcht und wachsendem Kontrollverlust erzählt, setzt Keller nicht auf permanenten Alarm. Die zurückgenommene Regie lässt Raum für die Veränderungen im Verhältnis der Figuren. Mitunter könnte der Abend die Brüche und die zunehmende Ausweglosigkeit noch stärker zuspitzen; die kontrollierte Form nimmt dem Geschehen stellenweise auch etwas von seiner Unruhe. Doch sie verhindert, dass die Gewalt zur bloßen Schau wird.

Peter Aeschbachers Bühne hält mit grauen Fahnen einen schlichten, zugleich deutungsoffenen Raum bereit. Darunter sind auch die Flaggen der USA und der Sowjetunion. Die Zeichen erinnern daran, dass der Machtkampf in „Macbeth“ über das Private hinausweist: Herrschaft wird öffentlich sichtbar, bleibt aber immer auch eine Frage persönlicher Verantwortung. Sarah Bachmanns Kostüme fügen sich in diese zurückhaltende Bildsprache ein.

So liegt die Stärke des Abends weniger im äußeren Schrecken als in der Genauigkeit, mit der er eine Beziehung unter Druck setzt. Von Düffels Bearbeitung erweist sich als tragfähige Grundlage, Lorenz und Sračnik füllen sie mit guter, konzentrierter Schauspielarbeit. Der Fluch muss dafür nicht bemüht werden. Unheimlich genug ist die Vorstellung, dass zwei Menschen einander so lange bestärken, bis sie den Weg zurück nicht mehr finden.